Reisetagebuch, Kapitel 2. // The 90 Day Novel & Steampunk-Prinzessinen.

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Es ist immer noch der Anfang meiner langen Großbritannien-Tournee: Nach der ereignisreichen Zugreise vom alten Kontinent auf die Insel lautet der erste Zwischenstop Lincolnshire; wo meine liebste Kommilitonin Natasha lebt und arbeitet.

Nach diversen Gläsern Wein schlafe ich in ihrem Gästezimmer ein – anscheinend ist gerade noch der Zeitpunkt in unseren 20ern, in dem meine Freunde das erste Mal Gäste-und Arbeitszimmer haben, aber noch keine Kinder. Ein angenehmer Status Quo für heimatlose Reisende, so in kuschelige Ersatzbettwäsche eingewickelt aufzuwachen. Keine Ahnung, wo ich bin. Es riecht nach Teppich, viel, viel Teppich. Die Bilder von letzter Nacht kommen zurück: Das Haus voller Teppiche.

Ich höre Natasha und ihren Freund in der Küche darüber diskutieren, wer zur Arbeit fährt – beide arbeiten als Archäologen an der gleichen Ausgrabungsstätte. Nach einer lautstarken Runde Schnick Schnack Schnuck habe ich das Haus wieder für mich, dieses Mal endgültig wach.

Der Küchentisch ist Natashas annektierte Arts&Crafts-Station, also schiebe ich meine Kaffeetasse vorsichtig zwischen eine Nähmaschine, Stoffreste, Glitzer, gebatikte Lesezeichen und einen Stapel Bibliotheksbücher. Auf einem davon klebt ein Zettel: „Temi recommended it, I thought, you’d love it,too!“ Der Titel: The 90 Day Novel von Alan Watt.

Ihre Schulfreundin Temi, die wir übermorgen beim Green Man Festival treffen wollen, veröffentlicht nächstes Jahr ihr Roman-Debüt, das wusste ich schon länger und bin sehr gespannt. Natasha schreibt an einem dystopischen Podcast über eine Welt ohne Schreibkultur. Und ich habe da knapp 90.000 Worte in einem Dokument zusammen, die eigentlich gern ein Coming-of-Age-Roman sein wollen, wenn ich denn nur verstehen würde, an welchen Sollbruchstellen das Narrativ noch hakt.

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Draußen fahren Autos vorbei, ich bin erst am frühen Abend mit Natasha verabredet und es ist gerade mal acht Uhr morgens. Also schiebe ich die Bastelprojekte vorsichtig zur Seite, krame meinen Block und Stift raus und schlage die erste Seite auf. Vier Stunden später gucke ich wieder hoch. Dieser Schreibkurs ist brillant, und vor mir liegen zwanzig vollgeschriebene Seiten, von denen mich meine Protagonisten so klar angucken, wie nie zuvor. Watt schafft es, Ängste und Sorgen, Fliehkräfte, Ambitionen und Dilemmata mit ein paar einfachen Fragen aus mir herauszukitzeln. Und ein paar seiner Weisheiten für Fiktion nehme ich mir mal direkt auch für die Realität zu Herzen:

It’s important to understand that we cannot figure out the plot and then drop characters into it.

Am Ende des Vormittags habe ich nicht weniger gelernt, als mir zu erlauben, meine rechte Gehirnhälfte frei laufen zu lassen. Ich lege ich den Stift zur Seite, ziehe meine Stiefel an und erkunde die Innenstadt von Lincoln, ein sehr beruhigendes resolutes Gefühl in der Tasche, wenn ich meinen Schreibblock beim Kramen spüre. Keine Ahnung, wie es mit dem Buch weitergeht. Aber dieser skurrile Ort in Nordostengland hat mir genau den richtigen Anstoß gegeben.

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Ich wandere durch Lincoln, an der Kathedrale vorbei und durchs Arboretum. Die Stadt ist  voller gregoriansiche Kirchen, winziger mittelalterlicher Straßen und jemand hat eine Bahnstrecke mitten reingebaut, clever. Alle paar Minuten hält das Leben in der Einkaufsstraße inne, weil sich die Schranken schließen und ein Güterzug die Stadt in zwei Hälften teilt. Ich müsste hier nicht leben, aber die Altstadt ist pittoresk und angenehm völlig von Touristen befreit. Mit ein bisschen Hunger im Bauch stecke ich den Kopf in einen Imbiss, der von außen um Längen besser aussah als von innen, wo nur die feine englische cuisine à la Fritteuse wartet. Ein Kellner fragt mich ob ich mich setzen will, ich gehe langsam kopfschüttelnd rückwärts raus und nuschele: “Sorry, I expected something different” und er antwortet: “Didn’t we all, dear?”

Ich habe noch zwei Stunden, bis ich Natasha treffe, also schlendere ich auch in die obskursten Läden. Einer davon, voller Räucherstäbchen, Tarotkarten und Mittelalter-Fandom-Zeugs, bereitet sich gerade auf ein großes Steampunk-Festival vor. Ich plaudere mit der Verkäuferin, die Fingerspitzen immer wieder in Seidenkleidern und Federhüten vergraben. Wir diskutieren den Brexit, Deutschland, die digitale Zukunft und vegane Ernährung.

Plötzlich fragt sie:  “Wanna play dress up?” 

Mehr Spaß als als Queen Mary of the Scotts hatte ich lange nicht mehr. Ein kleiner Junge kommt im Schlepptau seiner Mutter in den Laden und sagt im Vorbeigehen mit großen Augen zu mir: “You look like a real princess, not the Disney type, a REAL one from the history books.“

Ich würde ihm ja erklären, dass es wahrscheinlich kaum weniger historisch korrekt geht, aber das Korsett sitzt verdammt eng. Trotzdem komme ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus – Eine große Freude, dieser Zirkus jenseits der Realität.

Später warte ich im Schatten der St. Hughs-Kirche auf Natasha. Als wären wir zurück in Swansea haben wir endlich wieder ein Kaffee-Date und reden über ihren Arbeitstag. Zusammen klettern wir den Hügel hoch zur Kathedrale und staunen eine Weile. Abends trinken wir Wein und Tee und gucken aufs Sofa gekuschelt Filme, bis es Zeit ist, für Green Man zu packen. Schon wieder ein irre langer Tag – und das direkt am Anfang der Tour. Das Glücksthermometer steigt jedenfalls verlässlich auf 9/10 als ich ein zweites Mal im Gästezimmer des Teppichhauses einschlafe.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. rejekblog sagt:

    Der kleine Junge hat so wat von recht!
    Danke.
    Liebe Grüße aus´m Pott

    Gefällt 2 Personen

    1. Emily J. sagt:

      Danke schön!
      Ich könnte mich auch ein bisschen an den Look gewöhnen – minus Korsett 😀

      Der Pott grüßt zurück!

      Gefällt 2 Personen

  2. Alan Watt …hm ; sollte ich mir bestellen ….

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Unbedingt! Wenn ich dieses Buch irgendwann mal fertig schreibe, dann [nur] dank Watt und seinem schonungslosen Fokus aufs freie Schreiben.
      Liebste Grüße

      Gefällt mir

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