Reisetagebuch, Kapitel 3. // Material Girls auf dem Green Man Festival 2018.

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Nach den ersten beiden Kapiteln folgt hier der Geschichte dritter Teil. Nicht mehr im Zug, nicht mehr im Fantasie-Mittelalter. Dieses Mal fahren Natasha und ich quer über die Insel – von Lincoln an der Ostküste bis in den Walisischen Nationalpark, zu den Brecon Beacons, einem Naturschutzgebiet im Westen voller Waldgeister und Bergketten.

 Unsere Roadtrips gehören zu meinen schönsten Erinnerungen des Masterstudiums: Samstagmorgens mit Falafeln und Kaffee losfahren, immer der Küste, einfach mal sehen, was sich hinter Swansea so an Geschichten versteckt. Immer und immer wieder fanden wir Spuren Dylan Thomas‚, verlassene Burgruinen und neue kleine Eisdielen an leeren Stränden. Wales war unser Abenteuerspielplatz. 

Die Begeisterung, links im Auto neben meiner liebsten Britin zu sitzen, ist nicht kleiner geworden. Vor uns Autobahnen, Starbucks-Drive-Thrus, Landstraßen. Vier Stunden sagt das Navi und auch wenn wir wirklich viel und wirklich oft reden, sind vier Stunden mit Natasha wie im Flug rum. Wir diskutieren unsere neue Lieblingsshow Crazy Ex Girlfriend, beide mit einem Faible für Behind-the-Scenes-Podcasts und „Have you Seen Rachel Green on The Late Show how she and Colbert talk about Dr. Phil?“ und schon ist die erste Hälfte der Tour rum.

Später analysieren wir unsere verschiedenen Ansätze in Psychotherapien, Freundschaften und Familien. Sie erzählt mir den geheimen Plot ihres Podcasts und im Hintergrund hören wir ein Madonna Best Of, wie seltsam, dass wir alle Texte kennen und trotzdem erst jetzt verstehen, worin es in Papa don’t preach eigentlich geht.

Betreten schaut mich Natasha an und sagt: „I really never listed to this before, who knew it was so… bleak.“ Dann drehen wir Material Girl auf und schauen eine Weile aus dem Fenster, die Straßenschilder werden zweisprachig, die Häuser einstöckig, die Bäume älter, der Himmel blauer – Wales really kept a welcome. 

Das Ziel ist ein kleines Landgut am Rande der Brecon Beacons. Das Glanusk Estate mit seinen Hügeln und Zeltplätzen beheimatet im Sommer das Green Man Festival.

Treue Leser kennen es vom letzen Jahr aus Beiträgen wie: The Community of Hope.  oder The Mystic Valley.  Unglaublich aber wahr, es war genauso traumhaft, wie ich mit tausendundeiner Adjektiven versuche zu erzählen. Es war sogar so traumhaft, dass mich der Blick auf mein Ticket das ganze Jahr sanfter und optimistischer gestimmt hat.

Dieses Jahr begrüßen die Green Boys und Girls Bands wie The War on Drugs, Fleet Foxes, Grizzly Bear, Lemon Twigs, John Grant, Brian Johnestown Massacre, Cate le Bon und Eleanor Friedberger. Aber in Wahrheit ist es auch ein kleines Kult-Biotop, ein großer Karneval, ein Festival für Comedy und Lyrik, eine riesige Fingerfood & Welsh Cider-Party. In den Bergen. Mit den Füßen in Gummistiefeln und Lichterkettenkränzen in den Haaren. In den nächsten Tagen kommen hier noch viele kleine und große Geschichten rund um mein persönliches Happy-Place-Festival.

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Aber jetzt sind wir noch ganz am Anfang und Natasha und ich folgen einem Tross von Autos auf den Parkplatz. Wuchten Rucksäcke, Zelte und Proviant aus dem Kofferraum und stapfen los, einen Waldweg entlang, immer den verspielten Pfeilen hinter her. Auf der Waldlichtung, wo das Boxoffice den Neuankömmlingen Tickets in Armbänder und Programmhefte eintauscht, warten wir eine Weile in der Sonne.

Ich sage: „It’s a bit like the Quidditch World Cup, in Harry Potter IV, isn’t it?“ und sie strahlt und sagt: „I think I“m having a panic attack but with joy.“

So fühlt es sich an. On Point. Willkommen in den Brecon Beacons, willkommen im Glanusk Estate, willkommen bei Green Man.

 

Wir entern den Zeltplatz und finden, fast genau unter dem gleichen Baum wie letztes Jahr, Temi und Ben, Natashas Schulfreunde in einem brandneuen Zelt. Die beiden sind frisch verheiratet und die Konstruktion dieses zwei Meter hohen Palastes war wohl eine der ersten Bewährungsproben für die junge Ehe. Natasha dagegen kommt aus einer Familie von sehr waldverbundenen Naturmenschen und stellt sich selbst eine Eieruhr um zu schauen, ob sie mein oder ihr Zelt schneller aufbauen kann.

Ich bin nicht traurig drum – dafür habe ich Zeit, mit Temi zusammen die perfekte Gin/Ginger-Ale-Ratio für unsere Proviantflaschen zu finden. Temi ist as South London as it gets, ätherisch schön, kreativ, esoterisch versponnen und sehr religiös. Ein Abschluss in Neurologie, einer in Kreativem Schreiben. Ihr Mann, Ben, ist Physiklehrer und strahlt immer zu, wenn sie spricht. Man kann es ihm nicht verdenken. .

Inzwischen sind die vier Minuten um, die Natasha pro Zelt braucht und wir wandern aufs Festivalgelände. Der Aufbau gleicht dem vom letzten Jahr, Poetry Slam Bühnen, rote Frühstücksbusse, Seifenblasen, Zirkuszelte, Einsteins Garden – der Wissenspark im alten Innenhof, Ciderzelte, Second Hand Thriftshops, eine riesige Bühne for dem Table Mountain. Wir drehen uns im Kreis und legen den Kopf in den Nacken, um dem diesjährigen Green Man – eine Figur aus Holz und Bast, Meterhoch, mit einem bukolisch-sapphischen Grinsen, ins Gesicht zu sehen. Abends läuft The Shape of Water, einer meiner Lieblingsfilme des Jahres, im Kino-Zelt. Wir essen Sojaburger und kuscheln uns zu viert auf den Boden der Manege, über uns die seltsam türkischen Bilder von Guillermo Del Torro.

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Beim letzten Spaziergang dieses langen Tages begegne ich der geheimen Heldin, die im Hintergrund die Fäden zieht: Patti Smith ist auch hier, zumindest diese seltene Ausgabe ihrer frühen Lyrik. Im Hintergrund dreht sich das Riesenrad. Ökologisch abbaubarer Glitzer steigt über den Wiesen auf. Was kann jetzt noch schiefgehen auf der Suche nach Glück?

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