Reisetagebuch, Kapitel 4. // As long as we’re together.

Nach drei Tagen auf Reisen, von Brüssel über London nach Lincoln bis in die walisischen Berge, war die erste Nacht im Schlafsack dann doch eine Überraschung. Ich habe zwar tief und fest geschlafen, aber um zwei Uhr nachts saß ich aufrecht im Zelt und war verwirrt. Wieso ist da nur Stoff um mich herum, wo sind die Wände, wo ist das Dach, wo ist meine flauschig-feste Ikea-Matratze? Und warum ist es so verdammt kalt? Von Donnerstag auf Freitag fiel die Temperatur auf unter zehn Grad in der Nacht – und, meine Güte, das ist ganz schön kalt wenn man im T-Shirt auf dem Erdboden schläft, da kann der Schlafsack noch so gut isoliert sein. Für ein paar Minuten war ich mir ziemlich sicher, dass ich einfach erfrieren würde. Dann bin ich wieder eingeschlafen, ganz so dramatisch war die Lage dann doch nicht.

Aufgewacht bin ich nämlich im warmen Morgenlicht, der Himmel war saftlila und der Zeltplatz rekelte sich langsam aus den Schlafsäcken. Vor dem Nebenzelt begannen unsere Nachbarn Eier und Speck auf einem Campingkocher zu braten, britischer wird es nicht und riecht es nicht. 

Ich wandere von der Zahnputz-Wasserstelle zu den Kaffee- & Frühstückswagen am Festivaleingang. Lehrer einer lokalen Grundschule haben eine Kooperation mit dem Guardian, dass sie Zeitungen während des Festivals verkaufen und dafür die Erlöse als Spende für neue Computer verwenden dürfen. Die Ironie, dass Print Medienunterricht finanziert, wird geflissentlich übersehen. Vor dem Zelt sitzen Temi und Ben, zusammen frühstücken wir Kaffee und Welsh Cakes und beugen uns über die langen Aretha Franklin-Portraits. Den ganzen Tag wird die Festival-Technik Aretha-Songs zwischen den Live-Sets und während der Soundcheks spielen.

Vormittags eröffnet eine Gruppe hutzeliger Druiden das Festival-Wochenende und dankt der Erde für die Gastfreundschaft und der Sonne für das Licht und der Luft für… ach, keine Ahnung, es war ziemlich wirr. Ist keine Religion für mich, aber nachher sehe ich einen Druiden in Turnschuhen im Cider-Zelt und denke, dass Selbstironie sowieso das allerwichtigste ist.

 

Überhaupt kommt der schrullige Green-Man Spirit heute erst so richtig in Fahrt. Die Kostüme werden wilder, die Seifenblasen steigen auf und Einsteins Garden eröffnet. Die große Wiese zwischen der Hauptbühne und den alten Kräutergärten ist das Miniatur-Festival der Wissenschaften. Oxford-Studenten spielen mit Besuchern Diabetes-Tarot, um zu zeigen, welche Faktoren welche Blutwerte beeinflussen. Die Cardiff-Universität hat einen Neolithischen Supermarkt gebaut und erklärt, wie Menschen vor zehntausend Jahren gegessen haben. Ein Künstlerkollektiv lässt einen gesamten Wohnwagen von Kindern mit Stempel mit walisischen Sagenmotiven bedrucken. Das Kings College baut Roboter, die man mit Taschenlampen steuern können, weil sie den Lichtimpulsen folgen. Ich lerne, dass man bei gutem Wetter mit Wasser duschen könnte, das nur von Glas- und Kupferrohren gewärmt wurde.

 

Dieser große Spaß wird nur dadurch schöner, dass niemand am Handy hängt. Dass überall Kinder herumrennen. Dass von jeder Bühne ab 12 Uhr spannende Musik junger Bands dringt. Zu viert wandern wir über das Gelände, bleiben ziellos stehen, lernen, spielen, gucken, basteln, schmieden, schreiben. In einem Second-Hand-Trödel-Zelt wandert ein kleiner Junge in einem schrillen Hummer-Kostüm herum und ich höre ihn verstockt mit der Verkäuferin tuscheln. Sie sagt laut:

“Well, you ARE a beautiful lobster don’t let anybody tell you anything else” – Sätze, die man nur so bei Green Man hört.

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Temi, Ben, Natasha und ich gucken erst eine Drag-Theater-Show und hören dann im ersten Sonnenschein des Tages das Set von Eleanor Friedberger. Eine schmale Person mit selbstbemalter Hose, die die große Hauptbühne völlig alleine ausfüllt und die umliegenden Hügel in den Bann zieht.

Am frühen Abend verziehen wir uns in die Hippie-Yoga-Abteilung: Für Temis Geburtstag haben wir ein Verwöhn-Packet bei Bathing under the sky organisiert. Nach einer heißen Dusche betritt man eine Sauna & Badelandschaft am Waldrand: Finnische Holzpools stehen werden mit Holzfeuern und Eukalyptusaufgüssen betrieben. Der Nachmittag ist kühl, aber das Wasser in den Pools ist dampfend warm und für zwei Stunden planschen wir zusammen. trinken Prosecco und G&T und freunden uns mit unserer Poolnachbarin Hollie an. Uns ist warm wie noch nie und von der Hauptbühne hallt klar die Stimme von Joan as Police Woman zu uns und in unseren Pool unter diesen 2000 Jahre alten Bäumen rüber.

Am Abend sitzen wir auf den Hügeln vor der Hauptbühne, essen Curry und hören erst die Lemon Twigs, eine völlig aus der Zeit gefallene leicht neurotische Zwillingsbrüder-Band von 20 Jährigen aus New York, die nicht tanzen können, aber singen wie Kids der 70er. Sogar die Dirty Projectors, die danach spielen, haben keine Chance gegen diesen planlosen Charme. Nachts geht die Party im Chai Wallah-Zelt weiter – erfahrene GM’ler erkennt man daran, dass sie sich mit den anderen Tanz-Zelten gar nicht abgeben. Chai’s ist eine riesige Markise mit Innenhof, Bar, rund um mehrere Bäume gebaut und jede Nacht spielen hier die Diplomats of Sound Sets bis um vier. Zwischen 12 und 2 ist es defititv the place to be. 

So wäre es auch in dieser Nacht gewesen, hätte mich nicht Natasha nach dem dritten Drink panisch am Arm gezogen und gesagt: „Shit, I lost my car keys.“

Die Geschichte, wie wir über das stockdunkle Gelände wandern und sie vergisst, dass sie beim englischen ADAC angemeldet ist, wie ihr eine Anti-Atom-Resistance-Gruppe aus Manchester helfen will, in ihr Auto einzubrechen und wo sie den Schlüssel schließlich doch noch findet gehört aber schon ins nächste Kapitel.

 

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anhora sagt:

    Nicht dass ich solche Erlebnisse brauche – aus dem Alter bin ich raus. Aber du kannst einfach hinreißend erzählen! Deshalb möchte ich hier nichts verpassen. 👍🤗

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Oh, das ist das schönste Kompliment, vielen Dank!
      (Nach der Suche dem Schlüssel dachte ich aber auch nur: „I’m too old for this shit :D)

      Gefällt mir

      1. Anhora sagt:

        *lach* Da fällt mir ein hübsches Zitat ein: „Man kann sich die Abenteuer, für die man gemacht ist, nicht immer aussuchen.“
        Well, then … 😊

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  2. Bin schon sehr gespannt! Liebe Grüße,
    Andrea

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