Reisetagebuch, Kapitel 5. // Video killed the radio star.

Das hier ist die erste Hälfte des zweiten Tages auf dem Green Man Festival 2018. Meine dritte Station auf der Interrailreise und mein ganz persönlicher Happy Place, versteckt in den Walisischen Bergen – ein Zauberdorf voller Druiden, Autoren und Indie-Bands.

Und es ist die versprochene Geschichte der Nacht von Freitag auf Samstag, die mal wieder beweist, was Serienjunkies schon länger wussten: Nothing good happens after 2am.

Wir tanzen also gerade selbstvergessen unter dem Chai-Wallah-Zeltdach (sollte ich nächstes Jahr wieder hin fahren, lege ich vielleicht ein kleines Lexikon mit den wichtigsten Namen und Orten an…).  Ben holt Drinks für alle und es ist niemandes erste Runde. Beweisstück A: Die Kamera sah alles genauso verschwommen wie wir.

Natasha zieht uns alle auf die Wiese vor dem Zelt, ihr Blick wirkt ausnüchternd, aber nur für den lustigsten Anteil des allgemeinen Schwips. Wirklich funktionstüchtige Erwachsene waren wir leider trotzdem nicht. „I lost my car key“ sagt sie und schaut in die Runde, als müsste einer von uns ihn im Maul eines weißen Kaninchen aus einem Zylinder ziehen und sagen: „Got’cha!“

Würde man ein Risk Assessment der Situation schreiben, es käme eine beeindruckende Liste zusammen: Es ist stockdunkel. Es ist ein mehrere Hektar großes Gelände, über das wir stundenlang schunkelnd und nach Lust und Laune gewandert sind. Genau wie zehntausende andere, mit zehntausend anderen Schuhen, die Autoschlüssel in den Matsch drücken, unter Mülleimer kicken oder in zwei Teile knacksen können. Überhaupt, ein einzelner Autoschlüssel, klein und schwarz auf großem schwarzen Boden – denn, das wäre ja doof, den ganzen Schlüssel mit sich umzufragen, lieber nur den Einen auf den es ankommt, im BH – völlig klar. Oder wie die Frau am Lost&Found-Office mit hochgezogenen Brauen sagt: „And you thought THAT was a good idea?“

Es war auch die einzige Kopie, die andere liegt sicher im festverschlossenen Haus der verreisten Eltern in London. Es war der Schlüssel zu einem relativ neuen Wagen, für den es in Wales, an einem bank holiday weekend keine adäquat ausgestattete Autowerkstatt gibt. Mitten im west-britischen Hinterland, das eine fast zehnstündige hypothetische Zugreise von Lincoln entfernt wäre – würde sie sich dazu entschließen, ihr Auto einfach im Matsch zurückzulassen und ihrem Arbeitgeber zu erklären, warum sie nicht mehr motorisiert zur Ausgrabungsstätte im ost-britischen Hinterland fahren kann, sorry, Schlüssel, Festival, lange Geschichte.

Die Nerven liegen also ein bisschen blank, während Natasha sagt, dass sie einfach den Weg ablaufen will, den wir den Tag über genommen haben. Guter Witz, aber was sagt man schon zu jemandem mit ordentlich Ethanol im Blut am Rand einer Panikattacke? Ben geht Snacks für alle kaufen, Temi und ich sehen uns an, zucken die Schultern und passen auf, dass Natasha nicht in den Fluss fällt, der zwischen den beiden Hauptbühnen fließt. Immer wieder sprechen uns Vorbeitanzende und Festival-Mitarbeiter an und fragen, ob sie der kopflos durchs Gras krabbelnden Natasha helfen können. Wir erklären die Lage und werden mit großen Augen angeguckt: „A single key? In the Welsh Forest at night? Oh Dears“ – aber, und das ist die Green Man Magie – alle helfen. Zwischendrin sind wir fast zehn Leute, die wahllos mit den Schuhen durchs Gras kicken und Taschenlampen halten.

Eine punkige Familie kommt uns entgegen – Mutter, Vater, zwei non-binäre Kinder in Batik-Shirts und wilden Sidecuts. Sie tragen ein Banner der „Manchester Alliance against Nuclear Weapons“ – als würde am veganen Burger-Stand ein Verantwortlicher der MI6 oder ein Offizier des Kalten Krieges im Sommerurlaub stehen und sich vom bemalten Bettlaken ins Nachdenken bringen lassen. Aber genug des Zynismus, auch die Familie hilft für ein paar Minuten, bis die Kinder anfangen zu gähnen und die Mutter vorschlägt, am nächsten Morgen gemeinsam das Auto kurzschließen. Natasha wird noch blasser, Temi übernimmt die Danksagungen.

Ich schwadroniere im müden Englisch über den ADAC und frage mich, ob ich jemanden kenne, der schon mal seinen Autoschlüssel verloren hat und wenn ja, was man dann so tun könnte und warum man das nicht in der Fahrschule lernt. Natasha guckt hoch und sagt: „Oh. Uhm, I’m in the British one. The Automobile Club. D’think they’d help me?“

Alle bleibens stehen und sehen sie an. „Well, PROBABLY.“ Als der Himmel hellgrau wird, gehen wir schlafen. Vier Stunden später sind alle wieder wach, weil wir Natasha im Zelt schreien hören, aber als wir wieder zu viert, immer noch in den Klamotten von gestern verdattert im Morgenlicht stehen, hält sie den kleinen Autoschlüssel hoch. Im Schlafsack war er. Warm und sicher und thermoisoliert.

Natasha fällt in ein erleichtertes Koma, Temi und Ben wechseln einen Blick und gehen wieder schlafen. Ich bin wach und gehe frühstücken.

Ein anderer magischer Green Man Funke ist, dass man nie lange alleine bleibt, wenn man müde über seinem Morgenkaffee hängt und den Stewards zuwinkt, die uns Stunden vorher beim Suchen geholfen haben. Und, dass man merkwürdigerweise selbst unter Fremden immer entfernte Bekannte trifft.

In diesem Fall sitze ich vor einem der roten Frühstücksbusse in der Sonne und lese in meiner Morgenzeitung, als sich ein blonder Typ mit viel technischem Equipment mir gegenüber auf die Bank fallen lässt. Wir wünschen uns Guten Morgen, er heißt Gareth und arbeitet auf dem Gelände für den Festival-Radiosender, im echten Leben für die BBC. Das ist jetzt nicht total uncool und ich frage ihn, wo er herkommt. „Manchester“ sagt er und ich muss lachen. Und erinnere mich, bei einer der letzten Büro-Parties in Manchester die Freundin meines favorisierten Büronachbars kennengelernt zu haben – Er saß mir ein halbes Jahr lang gegenüber und wir haben in ruhigen Minuten überlegt, wie er IHR einen Heiratsantrag machen könnte. SIE war wahnsinnig cool und arbeitete für BBC Radio Manchester. Und natürlich kennt Gareth SIE und ist zur Hochzeit eingeladen.

 

Er fragt mich, ob ich Lust hätte, mit ihm die nächste Show zu produzieren und nach einem zweiten Kaffee habe ich natürlich Lust. Wir schlendern gemeinsam übers Gelände und interviewen die Frühstücksschicht. Zuerst reden wir mit einer ruppigen Freundesgruppe, die aussieht wie die sechs Friends als walisische HafenarbeiterInnen – und als ich frage woher sie kommen sagen sie einstimmig Swansea und wir reden spontan eine Weile on air über Industriekultur in Wales. Ein unendlicher Spaß und das war nur der Vormittag.

 

Mittags snacke ich einen Avocado-Sushi-Wrap und trinke einen Ingwer-Saft, die Anderen sind immer noch in Trance vom Schock der letzten Nacht.

Das heutige Kapitel endet im Literatur-Zelt, wo ich mir die Buchtour von Viv Albertine (The Slits) anhöre. Sehr wortgewandt, wütend, wild, rockt sie sich von Themen wie der Obsession der westlichen Kultur mit weiblicher Körperbehaarung bis hin zu epileptischen Traumata, der Scheidung ihrer Eltern in den 70ern und dem blinden Hass, den eine weibliche Punk-Band  in den Anfangstagen zu spüren bekam. Den Satz “We are the granddaughters of the witches they couldn’t burn” schreibe ich mir dick in mein Notizbuch.

Als sie in die Runde guckt und über Glück und das unsinnige Glücksversprechen der Popkultur redet, denke ich an den Blog, an Patti Smith und meine verzweifelte Suche nach Endorphinen. Viv sagt dazu:

  Nobody’s happy all the time. How awful and shallow and self-obsessed that would be. How little empathy we’d have for others. I think hardship is way more common than happiness, and it’s failure that makes us into halfedecent people

Als die Lesung endet, tröpfelt das Publikum hinaus in die Sonne. Neben mir weint eine junge Frau leise in ein Taschentuch, ich sehe sie an und wir beide sagen, wie intensiv und aufwühlend die Lesung war. Ich hocke mich hin, drei andere Fremde kommen dazu, auch mit Tränen in den Augen. Wir umarmen uns lange und haben mitten im Gras und Stroh vor dem Zelt eine kleine anonyme Gruppentherapie über Familiengeschichte und Resilienz. Für die restlichen Tage treffen wir uns alle immer wieder zufällig bei Spaziergängen übers Gelände und immer wieder zwinkern wir uns zu – ich sage doch: niemand bleibt hier alleine mit seinem emotionalen overload. 

Als Natasha wieder aus dem Zelt auftaucht, holen wir uns zusammen das erste Cider des Tags, stoßen an auf die, wie man es nimmt, ja irgendwie erfolgreiche Suche nach dem Schlüssel und legen uns in die Sonne vor der Wallet Gardens-Bühne (noch so ein Lexikon-Eintrag). Eine zierliche Australierin namens Jade Bird sing wütende, bittersüße Folk-Pop-Songs und am Ende ein Kate Bush Cover, das dem ganzen efeubewachsenen Innenhof einen Klos in den Hals treibt.

 

Im nächsten Kapitel dreht sich alles um den meinen musikalischen Liebling des Festivals – John Grant – Sänger so poetischer Zeilen wie: „It’s not complicated – you just don’t care“

Es wird um die Lesung am Nachmittag mit John gehen, um seinen Guestspot während des Cate Le Bo-Konzert s und sein eigenes Set in der Samstagnacht unter klarem Sternenhimmel. An meiner Wand hängt schon eine Konzertkarte für ein seiner wenigen Deutschlandkonzerte im Herbst.

 

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ein tolles Festival.

    Liebe Gruesse

    Monika

    Gefällt mir

    1. Emily J. sagt:

      1000%ige Zustimmung! Ganz liebe Grüße

      Gefällt mir

    1. Emily J. sagt:

      Freue mich sehr über den Kommentar! ❤

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s