Reisetagebuch, Kapitel 6. // Love is magic.

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Ja, wirklich. Love is Magic singt John Grant und weniger kitschig wird es in diesem Kapitel nicht. Das hier ist eine Power-Ballade über den Samstag-Headliner auf dem diesjährigen Green Man Festival in den Breacon Bacons in Wales – Zwischenstop meiner Intertrailreise und Hotspot der letzten Blogposts.

Es ist Samstagnachmittag, nach dieser NachtNacht und diesem Freitag, ich bin also ein bisschen mitgenommen und freue mich einfach auf einen Seitanburger zum Abendessen in einem der Literaturzelte. Ich lese im Programmheft, dass John Grant zum Gespräch mit einem Musikjournalisten geladen ist, der Headliner des Abend und ich denke: Mensch, dann setze ich mich dazu und höre mal, was das für einer ist. Hören wollte ich ihn nach der exzessiv liebevollen Beschreibung des Festivals nämlich auf jeden Fall:

„Where to start? Maybe with The Czars, that ironic mid-nineties alt.rock band, fronted by Grant, who released six studio albums between 1994 and 2006. Or perhaps with that astonishing debut album, Queen of Denmark, released in 2010, that redefined his talent. The truth is, however, that wherever you dig in to John Grant’s career you find magic. Not the shiny magic of fairy tales but of gritty, real-life brilliance; of fighting through the dark times to produce works of art with the kind of depth and detail that reminds all of us why we give a damn about this funny thing we call music.“

Ich sitze in einem vollgepackten Zelt zwischen vielen, vielen Männern, die mit großen Augen nach vorne auf die Bühne starren. Am Ende der Nacht werde ich mir ins Tagebuch schreiben: WAS EIN TYP  – love is magic. 

So heißt nämlich seine neue Single und schon die erste Strophe endet mit der bösen Zeile: „You forgot your medication / And Sade is playing on the radio“

Ich kannte vorher nur den Song GMF aus dem Hintergrund irgendeiner Show, aber ich habe unten die fantastische Version mit dem BBC Philharmonic Orchestra eingefügt, nur um zu zweigen, wie tief diese Stimme werden kann.

John Grant kommt auf die Bühne und spricht fast zwei Stunden lang über Musik und Liebe. Eigentlich reicht das schon als Beschreibung. Ein 50-Jähriger schwuler Mann aus den tiefen Südstaaten, der fast zehn Jahre seines Lebens gekellnert hat, um seine Band zu finanzieren und der jetzt auf Island lebt und Songs schreibt, die von Musikkritikern über den grünen Klee gelobt werden. Der aber auch mit der ruhigen toughness und der Optik eines Busfahrers daher kommt, der schon genug gesehen hat, sich weder von überdrehten Interviewern noch von all dem Lob aus der Ruhe bringen lässt. Als sein erstes Album Queen of Denkmark mit „Jeder Song ein Diamant“ beschrieben wird, verdreht er die Augen und grinst wissend in sich hinein. Natürlich ist nicht jeder Song ein Diamant, aber wie gut klingt das, an einem Festivalnachmittag in einem Zirkuszelt?

Also erzählt Grant einfach über diese leeren Lobhudelein hinweg. Von seiner Stiefmutter, die zu Weihnachten Sätze am Tisch sagt, wie: „He hasn’t even tried not be gay.“ Von Vorurteilen der LGBTQ*-Community gegenüber, man müsse sich nur mal zusammenreißen und sich nicht so anstellen, mal ein bisschen männliche Stärke lernen. Dazu sagt er nur: „Those who allow themselves to be soft in this world are intrinsically strong and don’t need to be told to “toughen up”

Er spricht über die obskure Musik der 80er, über Nina Hagen und Sade, über sein neues Album und den drastischen ABBA-Powerballaden-Sound im Titelsong. Und dann über Liebe, über die Fähigkeit zu wachsen, und die Erkenntnis, dass Beziehungen scheitern können, aber dass das niemals automatisch das Ende von Liebe bedeutet. Das Startbild des Videos unterstreicht meine Gefühlsduseligkeit wenn ich an diesen Moment denke nicht unbedingt, aber was soll’s.

Eine tolle Lesung und eine wirklich spannende Fragestunde mit seinen abgehärteten Fans folgte, außerdem eine Signierstunde mit einer gefühlt kilometerweiten Schlange. Ich hatte noch nie Verwendung für unterschriebenes Merchandise, aber ich bin seit dem Talk in sehr guter, inspirierter und emotionaler Stimmung.

Natasha und ich treffen uns auf ein veganes Pfefferminz-Sorbet am Rande der Hauptbühne. Die wunderbare Cate Le Bon spielt ein Set und wir sitzen eine Stunde lang im Sonnenuntergang und hören ihr zu. Für ihren letzten Song bittet sie einen Freund und Kollegen auf die Bühne und wer kommt? John Grant, der gerade vom Zirkuszelt aus rübergerannt sein muss. Zusammen spielen sie ihren Song Are you with me now? und andächtig verfällt das gesamte Gelände in Schweigen, so gut passen ihre Stimmen zusammen, hier hin, genau hier hin.

Für sein Konzert abends stehe ich in der ersten Reihe, um mich herum nur Fremde. Als der erste Akkord fällt und wir alle aus dem Stegreif mitschunkeln, sind es nur noch Freunde,  wir sagen unsere Namen, Robert, Hywel und Katie heißen die drei, die mir am nächsten stehen, sie kennen sich alle nicht, aber wir liegen uns in den Armen und wir alle grölen bei GMF so laut wie es geht in die Nacht:

„…so go ahead and love me while it’s still a crime but don’t forget you could be laughing 65% more of the time”

Am Ende des Songs ist das Publikum ein Meer aus Umarmungen, alle haben Tränen in den Augen bei Glacier,  bei Grey Tickes, Black Pressure wird auch auf der nächsten walisischen Schaffarm in den Bergen die Bridge zu hören gewesen sein, weil sie aus 10.000 Mündern und von einem mächtig guten Soundsystem unterstützt gesungen wurde.

„They say let go let go let go
You must learn to let go
If I hear that fucking phrase again
This baby’s gonna blow“

Und das war es auch schon mit meiner kurzen privaten PR-Tournee für John Grant, den ich  am 12.11. in Köln in der Kulturkirche hören werde, weil ich einfach nicht genug von dieser Stimme und dieses bösen, rotzigen, politischen Texten voll von Liebeserklärungen an die Liebe bekommen kann.

Nächstes Mal geht es wieder um unsere wilde Reisegruppe und unsere Abenteuer: meinen Ausflug ins erste Hilfe-Zelt am viel zu frühen Sonntagmorgen, das atemberaubende Abschlusskonzert von The War on Drugs & das Feuerwerk um Mitternacht.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. rejekblog sagt:

    Hallo Emily,
    ich danke dir für deine wunderbare, liebevolle Beschreibung von John Grant. Besonders die Stelle, „Mit der Optik eines Busfahrers“ hat es mir angetan. Hatte sofort ein Bild vor Augen. Kannte den Künstler bis dato nicht. Wurde mir aber sogleich sympathisch. Ich freue mich für dich, dass du ein tolles Fest erlebt hast.
    Liebe Grüße, Peter

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    1. Emily J. sagt:

      Oh vielen vielen Dank! Freut mich, ihn noch ein bisschen beliebter gemacht zu haben, er verdient es. Viele liebe Grüße, Emily

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  2. suzy sagt:

    Dieser Mann hat eine tolle und beeindruckende Stimme. Danke für den tip!

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    1. Emily J. sagt:

      Avec plaisir! Schön, von dir zu hören 🙂

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