Reisetagebuch, Kapitel 7. // We need to start a garden.

Und dann ist es Sonntag, der letzte Festival-Tag des diesjährigen Green Man 2018. Ich sortiere am Vormittag schon mal all den Plunder, der sich nach viert Tagen Camping in den walisischen Wäldern angesammelt hat – Zeitungen, Buttons, halbvolle Wasserflaschen, Flyer, Lakritzstangen, Blumengirlanden. Nebenan baut Natasha ihr Zelt ab, sie muss schon heute Abend nach dem Hauptact nach Hause fahren, währen Temi, Ben und ich erst am nächsten Morgen den Shuttlebus durch die Wälder nehmen.

 

Ich hole Kaffee für die Runde und will mich auf einen der Campingstühle setzen, doch er kippelt zur Seite. Also greife ich nach der Stange, um zu sehen, wie man sie fixieren könnte, nicht, dass ich irgendein ingenieurisches Talent hätte, aber Campingmöbel sind ja keine Ikea-Küchen. Die Stange ist aus ihrer Halterung gebrochen und einige Plastiksplitter stehen darum ab. Eher interessiert als beunruhigt schaue ich runter auf meinen Finger, und sehe unter dem bisschen aufgerissener Haut erst mal nichts außer ein bisschen helles Blut. Ich zucke die Achseln und trinke Kaffee mit den Anderen, während Natasha wieder gegen einen Timer ihr Zelt abbaut. 7 Minuten sind ihr selbstgestecktes Ziel.

Als die 7 Minuten vorbei sind gucke ich noch mal kurz auf meine Hand und bemerke, dass ein Stück Plastik unter die Haut gerutscht ist und dort frech wie ein Streifen schwarzer Kulifarbe sitzt. Wir sind alle etwas ratlos, Temi verschlafen, Natasha außer Atem. Es tut nicht besonders weh, aber ich kann ja nicht mit einem Stück Plastik in der Hand herum laufen und keiner von uns hat eine Pinzette. So spaziere ich los zum Erste-Hilfe-Zelt, wo ich eine erstaunliche Gruppe von Menschen kennenlerne. Alex, der in seinem Foundation Year (Zwischen ZiVi und 1-jähriger Ausbildung vor der Uni) steckt und Medizin studieren will, ist der Zuständige für meinen Zeigefinger mit Cyborg-Special-Effect. Er ist nervös und legt offensichtlich lieber Verbände an, für eine Weile versucht er seinen Kollegen zu überreden, sich um den tief liegenden Splitter zu kümmern, aber der alte walisische Bär schickt ihn immer wieder zurück zu mir. Er hat selbst genug zu tun mit einem Mädchen mit Brandwunde am Arm, die ihm unter Tränen versichert, von der weißen Farbe der Verbände bekäme sie Panikattacken.  „I’ll have a panic attack if you’re hand get’s infected and falls off, d’you want that?“ höre ich ihn zurück brummen. Alex packt die Pinzette aus und sagt traurig: „That’s going to hurt, but you can have a cookie if you want?“ Ich überlebe den Eingriff gerade so und als Alex fertig ist, zeigt er mir einen knapp 1cm langes mörderisches Plastikteil am Ende der Pinzette und klebt mir ein Dino-Pflaster um den Zeigefinger. Aber hey, God bless the NHS, alles völlig unkompliziert, umsonst und papierlos.

 

Den Tag über scheint die Sonne wärmer und freundlicher als Abschiedsgeschenk. Das Gras trocknet und wir laufen barfuß über Stroh, Steine und Heu, ein Gefühl, das mir als eingefleischtes Stadtkind ja völlig unbekannt war. In einem Waldstück gibt es Video- und Lichtinstallationen zu sehen, dazu zieht eine Truppe Alkohol-Zirkusartisten einen Wagen voller Whiskey durch die Bäume und veranstaltet eine Verköstigung, wir sind begeistert.

Nachmittags liegen Natasha und ich vor der kleinen Garten-Bühne, wir essen Tofu Wings, Baos Vietnamesische Dumplings und Chilli Fries und die Sonne verbrennt uns den Rücken. Alle drei Bands hintereinander sind ein idealer Sommer-Sonne-Sommerferien-Soundtrack:

 

Am frühen Abend sitze ich wieder im Literaturzelt für eine Podiumsdiskussion zum Thema: „The  Future of Music Writing Post-NME“, zufällig treffe ich wieder Gareth, den BBC Radio Reporter vom Vortag. Das Gespräch ist lang und emotional und ich habe mir die Namen der Redner nicht gemerkt, aber am Ende fragen sich alle, ob es eine Frauenquote auf Magazin-Covern braucht. Angeblich verkaufen sich auch kluge, hintergründige Musik-Magazine nur halb so gut, wenn beispielsweise St. Vincent auf dem Cover ist, als einer der Gallagher-Brüder. Was problematisch für alle ist, denn die Gallagher-Fans werden mit dem sonst sehr exzentrischen Inhalt der Zeitung nichts anfangen können.

Wir sitzen noch eine Weile zusammen und reden über das diesjährige Line-Up: Trotz toller weiblicher Stimmen auf der Hauptbühne (Cate le Bon, Eleanor Friedberger, Joan as Police Woman…), waren die nächtlichen Hauptacts allesamt männlich. Letztes Jahr aber hat PJ Harvey das Festival am Sonntagabend in Grund und Boden gesungen, erinnern sich alle selig. Ist es da nur fair, dass dieses Jahr The War on Drugs dieses Slot bekommen? Und dass auf der Green Man Rising-Bühne für Newcomer eine strenge 50-50 Aufteilung zwischen Sängern und Sängerinnen stattfindet – ist das der einzige Weg aus diesem Dilemma?

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Zu viert trödeln wir ein letztes Mal über den Markt und lassen uns mit biologisch abbaubarem Glitzer-Glitter-Make-Up schminken. Es wird dunkel und die Aufregung steigt, auch weil das Festival-Team selbst in Steampunk-Kostümen herumläuft und alle paar Minuten mit Megaphonen durchsagt: „The Green Man burns at midnight“ – fiebrig trinken wir noch ein letztes Cider im Babbling Tongues-Zelt, im Radio läuft Patti Smith und ich bin so glücklich wie lange nicht – no questions asked am Waldrand der Brecon Beacons.

 

The War on Drugs spielen ihren ersten Song noch im diesigen Abendlicht, dann wird es schnell dunkel, wie um ihnen die Chance zu geben, mit ihrer grandiosen Lightshow anzugeben. Mit ihren unendlichen Instrumentalparts und der Show im Sonnenuntergang gewinnen sie uns alle für sich, andächtig liegen wir Arm in Arm auf dem Hügel vor der Bühne und könnten noch für Stunden zuhören.

Am Ende des Sets schüttelten sich alle, als wären wir nach einem langen Tauchgang wieder aufgetaucht. Natasha verabschiedet sich mit Tränen in den Augen, auch wenn wir uns alle nur eine Woche später in London wiedersehen würden, ist nebeneinander im Zelt schlafen schon etwas Besonderes. A Day in a Life spielt über die Lautsprecher, während alle hoch zur Green Man Statue laufen. Wie jedes Jahr wird der Strohmann in einem großen Feuerwerk verbrannt, ein feierlich Ritual zum Ende des Sommers. Jemand singt die walisische Nationalhymne und der Geruch von Feuer und Rauch steigt in einer kilometerhohen Säule auf und beleuchtet die umliegenden Hügel.

 

Als es vorbei ist, teilt sich die Menge in die Tagesbesucher, die nach Hause fahren, in die Familien, die selig einschlafen und die Tänzer, die sich auf die Paetyzelte verteilen. Der Jahrmarkt ist die ganze Nacht auf und aus jedem Food-Stall dringt andere Musik. Neben mir liegen zwei kleine Jungs, vielleicht 10, im Stroh, der eine sagt zu zu seinem Freund: “Fancy an adventure?”,  der andere nickt und sie springen beide auf und machen sich auf die Suche nach Abenteuern.

Ein letztes Mal wandere ich durch die Party-Meile zwischen Chai-Wallah, Far-Out und dem Zirkuszelt, dann den Hügel runter zu den Literatur & Comedy-Zelten und der Licht-Installation im Wald und von da aus in die Wallet Gardens-Bühne. Hier treffe ich zufällig Robert, mein John-Grant-Fan-Kumpel vom Vortag wieder und auf dem Weg durch den dunkel-glitzernden Einsteins-Garden Hollie, unsere Freundin aus dem finnischen Swimmingpool., Glitzerblitzerliebe.

Als ich im Zelt die Schuhe ausziehe und ein letztes Mal in meinen thermofrostigen Schlafsack falle denke ich, dass sie doch recht haben in ihrem Volkslied, die irren Waliser:

Wales will always be here to welcome you home.

 

Beim nächsten Mal geht es nach Bristol, mit Pimm’s und After Sun Lotion, denn das Interrail-Armband in meiner Tasche gilt schließlich noch für ein paar Tage und außerdem: „Hey, fancy an adventure?“ 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anhora sagt:

    Das mit den Abenteuern ist wie mit dem Reisen (z.B.): Wenn das Gehirn Neues registriert, beschäftigt es sich nicht mit dem Alten. Das ist manchmal das Allerbeste. 🙂
    Schönes Lied, „We’ll keep a Welcome“. Da der geliebte Brite hier gerade zum Sonderbeauftragten für eine walisische Partnerstadt ernannt wurde, werde ich es womöglich noch öfters hören!

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    1. Emily J. sagt:

      Sehr schön gesagt 🙂

      Und welche Partnerstadt ist es geworden? Cardiff? St. Davids? Etwa SWANSEA?
      Bin ganz neugierig!

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      1. Anhora sagt:

        Es ist Rhondda Cynon Taf. Kennst du es?
        Es ist eine Partnerstadt von Ravensburg. Mein Lebensgefährte wurde von dem Verein „Brückenbauer“ angesprochen, die organisieren Begegnungen und sowas. Ich hoffe also, ich komme bald einmal nach Wales! War noch nie dort, stelle es mir aber ziemlich urtümlich vor. Werde aber an keinem Wald-Camping-Festival teilnehmen. 😉

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      2. Emily J. sagt:

        Ah, das ganze Valley, musste erst mal googeln und hab mich dann erinnert…
        Da bin ich mal mit Natasha mit dem Auto auf dem Weg nach Caerphilly durchgefahren, das liegt quasi direkt daneben, auch erzählt in diesem 100 Jahr zurück liegenden Post: https://talkwelsh.blog/2017/05/12/where-the-trees-grow-on-the-road/

        Das klingt spannend und ich hoffe, ihr könnt dann auch mal zusammen über die gebauten Brücken laufen und euch die Gegend in Ruhe angucken, Festival hin oder her 😉

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      3. Anhora sagt:

        Und ich dachte das sei eine Stadt! Wie du siehst, bin ich noch uninformiert, aber die Sache hat sich ja erst vor kurzem ergeben. Ich finde es jedenfalls spannend. Es ist immer gut, Städte und Länder abseits von kommerziellem Tourismus kennenzulernen. Wenns sein muss, auch im Festivalwald, aber OHNE Übernachtung! Und MIT Ersatz-Autoschlüssel. 😉

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