Reisetagebuch, Kapitel 8. // Thinking of a place.

Am Morgen ist das Green Man Festival vorbei – wir haben so viel neue Musik entdeckt, so viel gutes semi-gesundes Essen gefuttert, so oft barfuß unter tausend Jahre alten Bäumen gesessen und übers Leben philosophiert. Und zum Abschied belohnt uns Wales noch mal mit dieser Aussicht über die Brecon Beacons.

Temi, Ben und ich bauen unser Zeltlager ab und machen uns auf den Weg zum Bus-Shuttle. Mit vielen Klassenfahrt-Reminiszenzen sitzen wir mit 50 anderen müden Green Boys and Girls auf den Buspolstern, um uns herum dicke Rucksäcke, schlammige Gummistiefel und eine allgemeine schläfrige Seligkeit, die noch eine Weile im Transit bleiben will, bevor es zurück in die Realität geht.

Am kleinen Bahnhof von Abergavenny steigen wir in den Zug nach Süden und trödeln gemeinsam durch Newport. Im Tunnel unter dem Severn nach Bristol diskutieren wir Temis Buch und den Post-Brexit-Wohnungsmarkt, dann essen wir noch eine Pastete am Bahnhof Bristol Temple Meads zusammen und die beiden nehmen den Zug nach London.

In diesem Moment, in dem ich über die merkwürdige Macht von Zuneigung nachdenke, die es bestimmt evolutionär ins uns fest schreibt, dass wir Menschen mögen, mit denen wir tagelang nebeneinander in Zelten schlafen und auf Nahrungssuche herumwandern; und traurig sind, wenn sich die Gruppe auflöst, steigt jemand anderes in Deutschland in ein Flugzeug.

Ich wandere durch Bristol, werfe meinen Rucksack auf ein Stockbett in einem YMCA-Hostel in einer alten Polizeistation. Im Bett nebenan liegt eine 18-jährige australische Backpackerin, und so süß sie in ihrem Status völliger Aufregung und AMAZINGNESS auch ist, wird mir wieder mal klar, warum das mit mir und der langen Backpacking-Reise wahrscheinlich nichts mehr wird. Es ist auch ganz schön, dass ich mich am meisten über die warme Dusche mit hohem Wasserdruck freue, und nicht auf ihren Pub-Crawl um Mitternacht. Ich lasse sie totally amazed im Hostel zurück und beginne meinen Spaziergang durch Bristol.

Ich gehe mit meinem ersten Pret-Kaffee dieses UK-Trips durch die Straßen Gassi und entdecke die kleine niedliche Stadt, die sich da in die Hügel kuschelt. Aber ab und an gucke ich auf die Uhr. Um sieben bin ich mit Jana am Bristol Aiport-Shuttle verabredet und um die Bedeutung dieses Satz zu verstehen, muss man wissen, dass wir seit 15 Jahren Freunde sind, seit unserem ersten Tag am Gymnasium.

Seit 2003 wandeln wir also durch eine Plethora aus Übernachtungsparties, Klassenfahrten, dramatischen Streits, Vokabeltests, Pubertätskrisen, ersten Schlucken Alkohols, Konzerten, Parties, Hochzeiten, Uni-Krisen, Uni-Abschluss-Drinks, Geburtstagen, Umzügen, Festivals und Brunches im Wuppertaler Katzengold Café.

Trotzdem ist das hier das erste Mal, dass wir uns außerhalb Nordrhein-Westfalens sehen, man mag es kaum glauben. Unsere Freundschaft war immer reisefaul, auch wenn wir es individuell nie waren. Als wir mit einer Dose Pimms auf der Mauer über dem plätschernden Avon und der glitzernden Millenial-Brücke sitzen und unser seit 15 Jahren dauerndes Gespräch einfach ohne Punkt und Komma fortsetzen, bleibt also kein Auge trocken.

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Am nächsten Morgen geht die Reise weiter, denn Bristol war immer nur Transit-Station, eine schöne kleine Stadt für eine kurze Nacht zwischen Festival-Glitter und einer fünf-stündigen Zugfahrt in den Süden. Denn in meine Interrailkarte schreibe ich als nächstes: Bristol nach Plymouth, Plymouth nach St Erth, von St. Erth nach St. Ives. Warum St. Ives, warum Cornwall of all places?

Je nach dem, wer fragt sage ich schlicht: Ich kenne Wales, London, Nord-England, Schottland, Irland, aber da ganz im Süden war ich noch nie, alles klar? Aber die Wahrheit lautet: Ich habe vor Ewigkeiten mal in einem Guardian-Artikel im Nebensatz gelesen, dass die Tate, die Modern Gallery of Art in London, eine kleine Außenstelle in einem winzigen Fischerdorf an der Küste Cornwalls hat, wo das ganze Jahr das Licht so weiß scheint, dass es Künstler aus aller Welt dort hin zieht.

Das wollte ich sehen. Unbedingt. Und jetzt war ein guter Moment, der allerbeste Moment sozusagen, weil auch Jana Zeit und Reisefieber hatte. 

Dafür stehen wir früh im diesen Regen auf und wandern mit unseren Rucksäcken zum Bahnhof. Nach viel Kaffee und dösen und einer Landschaft, die auch hinter Remscheid so oder so ähnlich zu finden sein könnte, scheint plötzlich die Sonne auf Sommerset und das sieht so malerisch aus, wie es klingt. Wir rutschen beide tiefer in unsere roten plüschigen Zugsitze und gucken nach draußen, stumm, begeistert. Und dann reißt der Himmel und der Horizont auf, und links neben den Gleisen ist nur noch Meer und Licht.

 

Das atemlose Warten auf die angekündigte Schönheit hat natürlich einiges an Erwartungen aufgestaut und ab und an fragten wir uns nervös, was, wenn es da unten einfach ein bisschen miefig und voller Touristen ist, und wir da vier Tage rumkriegen müssen? 

 

Rückblickend kann ich sagen: Macht euch keine Sorgen, euer Hostel ist eine ausgebaute alte Kirche und hinter jeder süßen Fischerdorf-Gasse liegt eine noch schönere und wenn man ein paar Minuten dem Trubel folgt und dann an der Kirche links abbiegt, steht man in einer glitzernden Hafenbucht mit Blick über die Hügel und alles sieht aus wie ein perfekt erhaltenes 70er-Jahre Ferienidyll, während aus den hunderten kleinen Ateliers der Geruch von Ölfarbe, Kohl und trockener Leinwand dringt. Das ist St. Ives, aber ihr konntet ihr ja noch nicht wissen, dass es manchmal genau richtig ist, an den Ort zu fahren, über den man seit Jahren im Hinterkopf flüsternd nachdenkt – The War on Drugs stimmen mir zu, ganz sicher:

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. rejekblog sagt:

    Hallo Emily,
    du erzählst wunderschön einfühlsam. Es entstehen liebevolle Bilder in meinem Kopf, die mich auf deine Reise mitnehmen und weit weg entführen. Allerdings hat mich Remscheid komischerweise irritiert.
    Ganz lieben Dank, Peter

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    1. Emily J. sagt:

      Lieber Peter,

      vielen vielen Dank, solches Lob macht das Schreiben und Erinnern doppelt schön!
      Es gibt da eine Schreibregel, dass man Dinge, die einen besonders stören in seine Texte aufnehmen soll – also vielleicht mal eine Kurzgeschichte in Remscheid ansetzen? 😉
      Herzlich
      Emily

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      1. rejekblog sagt:

        Hallo Emily,
        Regeln sind dafür da um sie zu brechen. 🙂
        Ich habe zu danken!
        Liebe Grüße, Peter

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  2. footprint2 sagt:

    Hi Emily!

    Coole Texte schreibst du und du hast einen sehr kurzweiligen Schreibstil! Es macht Spaß, deine Posts zu lesen und deiner Reise zu folgen ;)!

    Dave

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    1. Emily J. sagt:

      Hey Dave, wie schön zu lesen!
      Morgen geht es zu Pferd durch die Hügel in Cornwall, also stay tubed 😀

      Herzliche Grüße!

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