Reisetagebuch, Kapitel 9. // all art is quite useless.

Eine Schleife meines großen UK-Roadtrips 2018 brachte mich am Vortag nach St.Ives, an der nördlichen Cornwalls. Nach vier Tagen Green Man Festival und schon einer Woche on the road, war mein Kopf fast nicht bereit für so viel Schönheit – und dann taucht auch noch meine Lieblingsjana in Bristol am Bahnhof auf und ich kann nur zitieren:

„It feels like a panic attack but with happiness, what’s that called?“

So kamen wir in St. Ives an, einem Fischerdorf am frühen Morgen während der letzten Tage der von den Einwohnern liebevoll silly season genannten letzten Urlaubswelle Ende August.

Und als erstes auf unserer To-Do-Liste stand die Tate: Das Schwester-Museum der Londoner Tate Modern, hier auf dem Gelände der alten Gas Works Ende der 80er Jahre gebaut, direkt am Strand in der Hufeisenbucht. Es ist das diesjährige Museum of the Year und seit einiger Zeit klingt mir der Namen in Ohren. Ich wollte unbedingt die Licht-Galerie mit Meerblick sehen, seit dem ich das erste Mal von ihr gelesen hatte.

Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick ein kleines bisschen zu grau, als würde der Nebel des Morgens noch an ihm kleben. Als sollte man Sandstein am Sandstein vielleicht ab und an mal einen neuen Anstrich verpassen. Und es es erinnert an ein altes Schwimmbad, seltsamerweise, mit seinen tribünenförmigen Treppen.

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Im Museum selbst warten Originale von Barbara Hepworth, der Bildhauerin, die St. Ives als erste auf die britische Landkarte für Kunst und Kultur setzte, eine Sonderausstellung zu Patrick Heron, in der Ecke ein Mondrian, ein Rothko.

Diese Bilder, diese Skulpturen, diese Archtiektur, alles im Wettstreit um die Aufmerksamkeit, denn draußen tobt blauer Ozean gegen die Klippen.

Wir trinken Kaffee auf der Dachterasse, massiv sprachlos. Noch immer fehlen mir die Worte, denn ich stand endlich mitten in der Galerie, die ich mit seit Monaten immer wieder vorgestellt hatte, in allen großen Adjektiven der Welt. Und ich kann immer nur wieder meine Kamera zücken, versuchen, das Licht und die Stimmung einzufangen und sie wieder in die Tasche stecken, stumm, staunend, geschüttelt von einem atmosphärischen Stendhal-Syndrom.

 

Wir stolpern nach draußen, und wandern durch die Straßen, die genauso von Kunst und Schönheit tropfen, wie das Museum an den Klippen. In einer weiteren renovierten Kirche hält die St. Ives Society of Artist Hof, Spatzen leben unterm Dach und Jana und ich kaufen beide Kunst- und Schreibbedarf, dicke Bücher voller leerer Seiten und Stifte, und Farben. Denn auch zehn Jahre nach unserer letzten gemeinsamen Stunde Kunstunterricht auf wackeligen Stühlen ohne Lehne in muffigen Kitteln in einer Wuppertaler Schule gibt es da eben so eine kleine Ecke unserer rechten Gehirnhälften, die all das Licht und die Ästhetik aufsaugt und in Kreativität photosynthetisieren will.

Später sitzen wir mit baumelnden Beinen auf der Hafenmauer, essen Eis, trinken Cider und reden so lange, dass wir nicht merken, dass es Mitternacht geworden ist, während die Hafenkneipen trudeln und plappern und das Wasser glitzert. Was sagt das Glücksthermometer denn dazu?

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anhora sagt:

    Ich freu mich für dich. Muss ein schöner Tag gewesen sein. 🙂

    Gefällt 1 Person

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