Reisetagebuch, Kapitel 10. // Light at the Edge of the World.

Vor uns lagen vier Tage St. Ives, vier Tage lag am Set der Fünf Freunde, zwischen Kunst, Küste und gutem Essen. Vier Tage zum Wandern & Reiten, zum Glücklich sein während Möwen und Seehunde um die Wette schreien.

 

Und hier muss ich eine kurze dramaturgische Schleife einlegen:

Auch wenn Florence and the Machine kürzlich eine  Song namens No Choir veröffentlichten und ich ihr auf meine persönlichen Suche nach Vorbildern und Glück einiges verdanke, muss ich ihr in diesem Fall widersprechen, wenn sie singt:

And it’s hard to write about being happy
Cause all that I get
I find that happiness is an extremely uneventful subject

Diese vier Tage waren bis obenhin gepackt mit Glück, aber auch mit sehr aktiven Verben im Indikativ: Nachdem wir die Tate besichtigt hatten, gingen wir Wandern, Klettern, Reiten, Schwimmen.

Und vielleicht hat all das Adrenalin und die Erschöpfung am Abend ihr Übriges zum allgemeinen Glücksgefühl beigetragen. Ich bezweifle, dass man auf dem Rücken eines Pferdes auf den Hügeln Cornwalls mit Blick übers Meer wirklich unzufrieden sein kann.

Der Ausflug hoch zur Penhalwyn Trekking School war eine der merkwürdigsten spontanen Ideen, die ich in langer Zeit hatte. Im Hostel lag ein Flyer aus und mit der gleichen Stimme, mit der mein Unterbewusstsein gefordert hatte, die Tate zu sehen, forderte es nun: Endlich mal wieder reiten, mach schon, komm, no questions asked.

 

Nachdem ich also auf der Landstraße hoch zur Schule ein paar Kilometer außerhalb von St. Ives beinahe von einem LKW überfahren worden wäre, kam ich mit recht unruhigem Puls an den Ställen an. Dort traf ich Toto, das Pferd. Es hieß eigentlich anders, aber ich fand seinen Namen unpassend und einigte mich flüsternd mit ihm auf einen neuen. Nach einer kurzen unaufgeregten Instruktion („left means left, right means right, pull to stop and squeeze to go“), die mich hemmungslos überfordert hätte, wäre es mein erstes Mal auf einem Pferd gewesen, ritten wir los. Zu zehnt trotteten wir erst entlang der Landstraße und dann auf den Wanderweg rund um die Klippen.

Um uns herum nur dunkelgrüne Hügel und Felder, in der Ferne das Meer; Städte sind hier draußen nur noch einzelne Häuser und Schornsteine. Meine Schuhe hatten Absätze, deswegen musste ich keine ekligen Reitschul-Gummistiefel tragen – und als Special Feature rutschte meine Hose bis zum Knie hoch und meine nackten Schienbeine pressten sich in den warmen Pferdebauch und es war ungelogen eines der friedlichsten Gefühle der Welt.

Toto war ein absoluter Held, der nicht nur seinen neuen Namen sondern auch meine Weigerung, ihn an jedem Busch knabbern zu lassen treu akzeptierte. Und so trabten wir, sprangen wir, tobten wir durch die Hügel und zusammen mit dem Endorphin kam auch ein arger Rosamunde-Pilcher-Vibe mit jedem Klonk der vier Hufe auf der Erde weit weit weit unter mir unter mir auf. Aus mir wird keine Olympionikin und kein blondes Pferde-Mädchen, aber trotzdem ist Reiten eben der einzige Sport, den ich je instinktiv konnte. Und sich gelegentlich daran zu erinnern ist gar keine schlechte Idee.

 

Zurück in St. Ives erkundeten Jana und ich einen antiken Flohmarkt, auf dem die Fünf Freunde (…und Timmy der Hund…), deren Abenteuer hier in Cornwall an den alten Piratenfelsen spielten, mit Sicherheit Diebesgut und Schätze gefunden hätten. Später gönnten wir uns ein perfektes thailändisches Gemüse-Nudel-Erdnusssoßen-Dinner, stoßen an auf Muskelkalter und die geheimnisvollen britischen Internatsgeschichten, die unsere Kindheit geprägt haben.

Am nächsten Tag wanderten wir den Küstenpfad entlang, immer dem Moos, dem Nebel, den Blumen nach. Langsam fiel herbstlicheres Wetter über St. Ives, aber nichts schien hier lange zu halten. Trotzdem schielte ich ab und an aufs Thermometer, denn ich hatte mir am ersten Abend vorgenommen, dass ich in dieses türkise Wasser springen würde, koste es, was es wolle.

 

Es kostete dann am letzten Abend 17 Grad, man sollte meinen, dass 17 Grad Außentemperatur doch ganz angenehm sind, aber in Form von Millionen Liter Atlantik-Wasser war es dann doch atemberaubend kalt. Scheiße war das kalt. Alle Muskeln krampften einmal kurz, alles prickelte und brannte und fühlt sich an wie eine nette kleine Lungenentzüdung, aber es ist auch ein kleines bisschen triumphal, türkis, traumhaft, EISKALT.

Sag noch mal, dass du happiness extremely uneventful findest, Florence. Und wenn du  von einer Klippe ins Wasser vor St. Ives, zu den Seehunden und Möwen gesprungen bist, dann unterhalten wir uns noch mal, my dear.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Du und ein Rosemunde-Pilcher-Vibe… sehr poetisch 🙂 Liebe Grüße, Andrea

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    1. Emily J. sagt:

      HIhi, und jetzt ist schon Herbst und alles so lange her 🙂

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