Reisetagebuch, Kapitel 11. // On the Museum Island.

Am letzten Tag in Cornwall hatte ich Muskelkater, vom Reiten, vom den Bauch-halten-vor-Lachen, vom Dauergrinsen. Und doch mischte sich ein Tropfen Melancholie unter die Suppe – knapp zwei Wochen Tournee kreuz und quer über die Insel gingen zu Ende. Von Steampunk-Lincoln über die Glitzerzauberwelt des Green Man Festivals hier ganz an den Südzipfel Großbritanniens nach St. Ives, wo das Licht tatsächlich so weißneblig über der Bucht hängt, dass es einen in den Finger juckt, eine Staffelei zu bemalen.

Ein letzter weißer Fleck auf der St.Ives-Karte ist der Skulpturengarten von Barbara Hepworth. In Erinnerung an die Bildhauerin hat man im Stadtkern ihr Wohnhaus, Atelier und ihren Garten für Besucher geöffnet und eine Reihe zeitgenössischer Fotos ausgegraben, um ihre Biographie zu illustrieren. Sie war eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart, hat unter anderem eine Skulptur für die UNO gestaltet und Cornwall als Künstler-Pilger-Ziel etabliert. Ohne sie, keine Tate, und ohne Tate weniger Mythos, weniger Ateliers und Förderung für lokale Kunst. Danke, Babs.

Kurz nach der Jahrhundertwende geboren, lebte die Dame ein überaus bemerkenswertes Leben – sie heiratete jung einen Kommilitonen, den sie während eines Bildhauer-Kurses in Italien kennenlernte, aber die Ehe zerbrach nach einem Jahr zurück im regnerischen London. Mit ihrem Sohn aus erster Ehe reiste sie mit ihrem Freund Ben Nicholson durch Europa. Sie lebten zeitweise in Paris, tranken Wein mit Braque, Moore und Picasso. 1934 erwartete sie ihr zweites Kind, doch im Kreißsaal bemerkte eine Hebamme nicht einen, sondern drei Herzschläge und die zierliche Barbara Hepworth bekam gesunde Drillinge.

Geld war knapp, Zeit war knapp, Platz war knapp. In der Tate kann man ihre Skizzen sehen, die sie dem englischen Finanzamt erfolgreich anstelle von Einkommenssteuern anbot. Und trotzdem stellte sie nur Monate nach der Geburt der drei Kinder immer wieder in ganz England aus, ihre Arbeiten waren in Leeds, Manchester und London zu sehen. Man kann das trocken betrachten und sagen, dass männliche Künstler sich auch nie von so Nebensächlichkeiten wie Kindern vom Arbeiten haben abhalten lassen. Aber eine geschiedene 4-fache Mutter in den 1930ern, die von ihrer Kunst leben kann verdient mehr als diesen Zynismus – nicht um sie auf ihre Rolle in Familie zu reduzieren, sondern um ihre brutal schönen Werke in den außergewöhnlichen Kontext zu setzen, in dem sie geschaffen wurden.

1936 eröffnete in Oxford die abstract & concrete-Ausstellung, wo ihre Arbeiten neben Mondrian, Kandinsky und Miró gezeigt standen. Im gleichen Jahr kaufte das MoMa eine erste ihrer Arbeiten. Hepworth wurde von der Queen geadelt, gründete die Penwith Society of Artists und stellte mehrfach auf der documenta aus. Nicholson und sie heirateten erst Jahre später und zogen mit ihren Kindern und befreundeten Künstlern nach St.Ives, wo das Licht so schön scheinen soll.  Sie wohnten in einem verwinkelten kleinen Haus mit Blick über den Kirchturm und das Meer und im Garten füllte sie ihr Atelier mit Skulpturen, Whiskey und Liebe.

Jana und ich wandern durch ihren Garten und sind nach all dem Licht, dem Vitamin D und der Meerluft gerade noch wach genug, dem Tourguide bei seinen Geschichten zu folgen, wie er während seines Kunststudiums in Cambridge im Schatten einer der Hepworth-Skulpturen im Gras gelegen und gelernt hat. Es ist schattig hier draußen und man hört das Summen des Städtchens und das Meeresrauschen. War St. Ives schon immer so schön und außergewöhnlich, und die Kunst-Community hat nur den Scheinwerfer auf dieses Küstenstädtchen geworfen? Oder machen die Kunst, die Ästhetik und all die offenen Ateliers erst den Charme aus, der hier auf den Straßen herrscht?

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Auch das soll nicht zynisch klingen: Ihr Tod durch Gebäudebrand, oder war es ein Atelierbrand. Ich war 2007 in dem Haus zu Besuch, das Atelier, ich weiß nicht mehr, ob es wieder zu dieser wieder hergerichtet war oder immer noch die Spuren des Brandes trug. Ich muss mich mal durch meine Bilder graben. Vielen Dank für diese Reminiszenz.

    Gruß

    Achim

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    1. Emily J. sagt:

      Liber Achim,
      laut unserem freundlichen Tourguide ist sie gestorben, als sie mit Zigarette im Mund auf Schmerzmitteln eingeschlafen ist – ein sehr trauriges Ende. Dabei wurde auch das Gebäude beschädigt, aber ich meine, das Atelier wäre verschont geblieben.

      Wie hat dir St.Ives insgesamt gefallen?
      Herzlich,

      Emily

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  2. Hm, ich habe mich zwiespältig gefühlt. Die Tate, das Barbara H. Muesum, klar, das waren Highlights, kulturelle Streusel auf einem ansonsten seht zuckrigen Kuchen, den man den Touries, vor allem an der Promenade, aufgetischt hat. Das Gewicht der Massen ist für mich der Gradmesser eines mehr- oder weniger gelungenen Zugangs zu einem solchen British Reviera Juwel, wie es St. Ives sicherlich ist. Da man aber immer zu der Masse zählt, bleiben die Winkel abseits, die Gassen, seitwärts, die entlegenen Sträne, die es zu entdecken gilt. Und dort traf mich der Charme St. Ives mit Wucht und mit dem Tatzenhieb einer Sehnsucht, die in mir, bis heute andauernd, entfacht wurde.

    Liebe Grüsse

    Achim

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    1. Emily J. sagt:

      „Mit dem Tatzenhieb einer Sehnsucht“ – well said, my dear! Vielen Dank für deine Geschichten! Ja, die Eingeborenen nennen den Sommer schon zurecht die „silly season“, und ich frage mich seitdem, ob es noch weitere Kleinode entlang der Küste gibt, die weniger überlaufen sind. Werde bis in den nächsten Sommer hinein mal recherchieren… und jetzt von Cornish Pasties träumen. Liebe Grüße
      Emily

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  3. EIn Tip, Port Isaac, weiter nördlich, Richtung Newquay und Padstow an der Westküste. Kleines, besinnliches Örtchen. Aber, jetzt kommt ein Aber: Dort wurde „Doc Martin“ gedreht, eine erfolgreiche englische Serie über einen grumpy general practitioner, der an einer Blutphobie leidet, sic! Das Örtchen wurde dann im Laufe der Zeit, immer zu den Dreharbeiten, von Liebhabern der Serie heimgesucht. So auch von mir, 2009. Trotzdem, ein Besuch ist es allemal wert.

    Wenn du magst, hier sind u.a. ein paar meiner Bilder zu Port Isaac. https://achim-spengler.com/?s=Port+Isaac&x=0&y=0

    Schönen Tag de Deutschen Einheit

    Achim

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