Reisetagebuch, Kapitel 12 von 12. // No Rest for the Wicked.

Am letzten Abend der Reise saßen Jana und ich in unserem Hostel in St.Ives auf dem unteren Stockbett. Das neue Album der Artic Monkeys lief und wir spielten SNAP, das simpelste Kartenspiel der Welt. Wir waren müde nach den langen Tagen und langen Wanderungen, hatten ein Cider während der Happy Hour an der Hostelbar im alten Kirchenschiff getrunken. Um uns herum stapelten sich Flyer, nasse Bikinis auf der Heizung und Berge von Sand von der Atlantikküste. Vor uns lagen Stunden im Zug, für Jana ein Flug nach Hause, für mich der 5am-Eurostar von London nach Brüssel am Folgetag.

 

Am Handgelenk trug ich noch immer mein Green Man Festivalbändchen und meinen Interrailpass. Es waren zwölf Tage Hochsommer auf der Insel gewesen, zwölf Tage Reise, die sich anfühlten wie Monate. Mein Kopf summte auf Hochtouren wie eine alte Festplatte beim Datentransfer.  Und beim Blick auf die dickgepackten Rucksäcke hatte ich direkt wieder einen Kloß im Hals, dieser tour-de-force-Ritt von Küste zu Künste, von Bühne zu Waldlichtung, von Museum zu Hügelklippe auf Pferderücken war genug Stoff für ein ganzes vollgeschriebenes Reisetagebuch gewesen. In semi-historischen Kostümen durch Lincoln, barfuß in den Brecon Beacons, um zwei Uhr nachts auf der Suche nach verlorenen Autoschlüsseln… immer wieder flackerten Erinnerungsfetzen auf.

Während ich Sand aus meinen Haaren kämmte fragte ich mich, ob die Reise wohl immer weiter gehen könnte, wenn ich mich nur weigerte, nach Deutschland zurück zu kommen. Wie lange würden meine Kreditkarten reichen, wann würde der Hostelkaffee schal schmecken, wie viele britische Fischerdörfer habe ich noch nicht gesehen? Was, wenn ich meinen letzten Interrail-Reisetag nutzen würde, um die Fähre nach Frankreich zu nehmen und dann immer weiter nach Osten, durch Osteuropa, durch die Türkei („küss mich von gestern auf heute in Istanbul,“ singt Bosse),

und wann geht in Asien die Sonne auf?

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Diese letzte Nacht träume ich von einem Leben aus meinem Rucksack heraus. Aber es gibt ein wichtiges Argument, erst nach London und dann nach Hause zu fahren und es heißt Natasha – ich habe meiner liebsten Kommilitonin doch versprochen, sie am nächsten Tag an St. Pancras zu treffen und mit ihr zusammen nach Deutschland zu fahren, damit sie endlich einmal sieht, wovon ich so spreche, wenn ich „Ruhr Area“ und „Wuppertal“ sage.

Die Rückfahrt nach London am nächsten Morgen verlief ruhig, treu und schnaubend zog uns der Great Western Railway in den Bahnhof Paddington. Die Betonromantik von Central London nahm mir für ein paar Minuten den Atem – ich hatte mich gerade an hohe Bäume und einen unendlichen Horizont gewöhnt, da wurde ich schon in einer Menschenschlange durch die Schranken in die Tube nach Kings Cross geschoben.

Es war grau, diesig und in dem Moment, in dem ich mein Gepäck am Bahnhof abgab, begann es zu schütten. Ich vertrödelte die restlichen Stunden in den zeitlos sprudelnden Shops, las mein Buch durch und fiel schließlich tief in die Nacht in Kings Cross auf der Suche nach einem Falafel-Laden, den ich vor Jahren einmal hier in den Gegend entdeckt und geliebt hatte. Mehrstöckige Busse donnerten im Regen über mehrspurige Straßen, ich vermisste Wales.

Natasha und ich trafen uns am nächsten Morgen mit zwei extra-large Kaffees am Security-Check-In für den Zug unter dem Meer hindurch. Es war 4.30 Uhr, und so früh waren wir das letzte Mal zusammen wach, als wir die amerikanische Wahl im Studentencafé geguckt haben, während die Sonne aufging. Wahnsinn, dass das schon zwei Jahre her ist.

Wir schliefen ein, wachten in Brüssel auf, es war immer noch 2018 und der nächste Zug fährt uns erst nach Köln und dann hoch ins Ruhrgebiet. Ich war zwar viel zu müde von all dem Trubel, um Reiseführerin zu spielen, aber mit Natasha deutsche Sätze zu üben, versüßte den Übergang zwischen Reise und Zuhause doch sehr.

Ich zeigte ihr Zeche Zollverein in Essen, wo ihr auffiel, dass alle Kirchen die gleichen türkis-silbrigen Dächer haben, ein Detail, auf das ich noch nie geachtet habe. Wir aßen Sorellis-Eis und eine Zodiac-Pizza und ich schlief beim Essen ein. Konstantes zweisprachiges Plaudern mit ihr auf Englisch, mit allen Anderen auf Deutsch, hatte meinen Kopf dann final zum Absturz gebracht, er war immer noch mit den Bildern der Reise überfordert.

Am nächsten Morgen stupste ich sie an und wir fuhren nach Wuppertal, wo ein strahlender Tag über den Gründerzeitvillen hängt. Natasha war völlig begeistert vom Schwebebahnfahren und ich davon, jemandem das Katzengold-Café zeigen zu können, wo Rika, Jana und ich jede unserer Freistunden  verbracht und unsere ersten Cocktails getrunken haben.

Am Mittag standen wir oben auf der höchsten Stufe des Tippen-Tappen-Tönchens, der steilen unendliche Treppe, die die Nordstadt mit dem pittoresken Luisenviertel verbindet. Wir schlenderten durch die Straßen, auf denen ich aufgewachsen bin, vorbei an meiner Grundschule und dem Kiosk, wo ich jahrelang Haribo in Papiertüten gekauft habe.

Für Natasha war es ein Touristen-Trip, für mich ein ganz neuer Blick auf meine Kindheit. Ich zeigte ihr den Skulpturenpark Waldfrieden, wo gerade der Soundcheck für ein Cosmo-Konzert lief, zwischen den Tony Cragg-Werken klang sanft Jazz und vor uns fiel die Stadt die Hügel runter. Um mich herum spulten surreal die Bilder der letzten Wochen und ich werde noch eine Weile brauche, um die Realität zurück zu finden.

Als Natasha zwei Tage später wieder in den Zug steigt, setze ich mich das erste Mal in zwei Wochen an meinen Schreibtisch. Tausende Fotos liegen bereit, hunderte Emails, 57 Facebook-Notifictations. Ob ich auch deswegen so verboten glücklich war in letzter Zeit, weil ich sie alle ignoriert habe?

 

Ich schlage das Reisetagebuch auf und beginne diese 12-Teilige Erzählung der Interrail-Reise, die ich mir zum 25-Einhalbten Geburtstag geschenkt habe. Großbritannien hat die Natur, das Wetter, die Bahnstrecken dazugegeben, das Green Man Festival den Soundtrack und das gute Essen geliefert, und die zufälligen Bekanntschaften wie die Steampunk-Dame in Lincoln, Radio-Gareth und Swimmingpool-Hollie haben für die verrückten Geschichten am Rande gesorgt.

Aber meine die besten Augenblicke der Reise waren die langen Gespräche bei Kaffee und Gin mit Ginger Beer mit Natasha, Jana, Temi&Ben unter Bäumen, im Gras, auf einer Brücke in Bristol, auf den Klippen vor St. Ives, im Zug und auf dem Förderturm von Zollverein – sie waren meine Green Girls und Bois, meine bedingungslose „fancy an adventure?“-Band. Sie haben das Abenteuer von der ersten Minute an so liebenswert und aufregend gemacht – ohne euch wäre ich nicht ich. Dieser Gedanke ist vielleicht das allergrößte Glück, und wenn ich ehrlich bin, musste ich nicht mal um Mitternacht in den Brecon Beacons dafür stehen – turns out, I had it all along. 

Und jetzt, wo dieses riesengroße Kreuzchen auf der Bucket-List gesetzt ist, wandert der Blick die Liste entlang.

WRITE THE BOOK steht da. Endlich mal diesen Roman über Wuppertal, Freundschaft und die Suche nach Glück fertig schreiben – aber dazu mehr beim nächsten Mal.

XOXO

24 Kommentare Gib deinen ab

  1. dorie sagt:

    Klingt nach einer tollen Reise und ich finde es wunderbar wie du schreibst – also ran an den Roman 🙂
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

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    1. Emily J. sagt:

      Vielen vielen Dank! ❤

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  2. suzy sagt:

    Danke für den tollen Reisebericht und die gute Musik 🙂

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    1. Emily J. sagt:

      Was für ein schönes Kompliment, danke! 🙂

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      1. suzy sagt:

        Die Musik läuft seit heute Abend rauf und runter, so klasse!

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      2. Emily J. sagt:

        Perfekter musikalischer Übergang von Sommer auf Herbst ❤

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  3. Anhora sagt:

    Was für eine Reise, du wirst noch deinen Enkelkindern davon erzählen können. Es gibt Dinge, die kann einem niemand nehmen. 🙂

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    1. Emily J. sagt:

      Oh, ich hab noch nie über meine potenziellen Enkelkinder nachgedacht, aber jetzt will ich welche 😀
      Ganz viele liebe Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      1. Anhora sagt:

        Bei deinem Erzähltalent wirst du Käptnin Blaubär vom Ruhrgebiet! 😀

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  4. rejekblog sagt:

    Hallo Emily,
    vielen Dank für das Mitnehmen auf deine Reise.
    Wundervoll erzählt. Heiter und doch auch im gleichen Augenblick melancholisch. Traurig und dennoch glücklich. Nicht nur eine Reise durch England Wales, Pott und W´tal in zwölf Kapitel sondern auch durch dein Innerstes.
    Vielen Dank dafür. Wenn ich sagen würde, es hat Spaß gemacht, käme es nicht annähernd daran. Es war mehr.
    Liebe Grüße, Peter

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    1. Emily J. sagt:

      Lieber Peter,
      1001 Dank dafür und fürs treue Mitfiebern und -Lesen!
      Solche Kommentare werde ich mir beizeiten mal ausdrucken und in meinen Motivationsblock kleben, für Regentage.
      Herzliche Grüße
      Emily

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  5. Kätzerin sagt:

    Liebevoll, niveauvoll, einfach toll! Liebe Grüße von der edith. 🙂
    Und ich wollte bitte wissen, ob Du früher vielleicht auch wie unsere nach hierhin übergesiedelte Sippe bei myTagebuch geschrieben hast? 😎

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    1. Emily J. sagt:

      Wow, einfach nur danke!

      Leider nein, da war ich nie –
      Wer gehört noch zur Sippe, kann man euch kennenlernen? 🙂

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      1. Kätzerin sagt:

        Jetzt hab ich überlegen müssen, weil das, also wir sind so rund 30-40 Verbliebene, kannst auch sagen, Vertriebene. Unsere ehem. Community hat sich in der Tat in Luft aufgelöst, nur noch die Domain wäre für 3000 Euro zu haben gewesen.
        Hier auf der Seite von „Fundsachen“, sie lebt ungefähr so nah bei Dir wie ich auch (in Dssd ;-)), wenn Du dort wengerl scrollst, ist seitlich rechts eine jeweils verlinkte Liste von uns aufgeführt:
        https://kopfklinik.wordpress.com/about/
        Kann sein, daß der eine oder andere Autor derweil neu zu verlinken gewesen wäre, doch der Großteil müßte stimmen.
        Bist Du denn evtl. bei Nell auf mich aufmerksam geworden? 🙂

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      2. Emily J. sagt:

        Ah, vielen Dank! Da werde ich mich mal durchklicken. Schön, dass wir hier so eine NRW-Blase haben 🙂

        Ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht mehr – ich glaube aber, dass du bei meinen Empfehlungen von WordPress aufgetaucht bist – glücklicherweise!
        Ganz viele liebe Grüße

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      3. Kätzerin sagt:

        Huch, ja, an sich ist mir das bewußt, daß wir alle bei Empfehlungen auftauchen. Nur bei dem, was ich oft an Skurrilem blogge. 😳
        myTB war international, NRW ist wohl am bevölkerungsreichsten, aber ansonsten haben wir alles vertreten, auch die Schweiz und Österreich. Ich selber bezeichne mich als Münchnerin im Exil, ich lebe hier seit dem 1. Nov. 1975. *sfz* So lebt aber z.B. die ehem, Waldorflehrerin meines Sohnes in Wpt …. 😉
        Und sehr herzliche Grüße zurück an Dich. Bist bei uns allen jederzeit willkommen. 🙂

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      4. Emily J. sagt:

        Danke schön, hab schon eine Menge von euch zu meiner Leseliste hinzugefügt!
        Hihi, Wuppertal ist eben ein Dorf von Weltstadt-Rang 😀

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      5. Kätzerin sagt:

        Dann wirst Du ja dort auf alle möglichen weiteren von uns treffen. Geht schon lange sehr familiär zu, allerdings „Wahlfamilie“. Viel Vergnügen bei „uns“. 🙂
        Ach, und ich wär froh, wenn ich wüßte, ob mein geliebtes München noch immer die legendäre Weltstadt mit Herz ist: War aus gesundheitlichen Gründen zuletzt 1999 raus aus der rhein. Exil- Metropole.

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      6. Emily J. sagt:

        Danke schön ❤

        Ohjeh, das tut mir sehr leid. Ich werde im nächsten Jahr ein paar mal in München sein und wenn du magst, bringe ich gern Fotos, Eindrücke oder Brezeln (?) mit, wenn du mich instruierst 🙂

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      7. Kätzerin sagt:

        Danke Dir. 🙂 Du bist mir ja eine Liebe. 😻 Weißmehl esse ich nicht mehr, aber Fotos mit Eindrücken immer gern. 😎

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  6. Freue mich schon auf deinen Roman, den musst du unbedingt schreiben!
    Liebe Grüße, Andrea

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    1. Emily J. sagt:

      Merci, merci, merci! Darum wird es hier auch in den nächsten Beiträgen mehr gehen, umso mehr freut mich der Ansporn!
      Herzlich
      Emily

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  7. Wanda sagt:

    Es macht so Spaß deine Beiträge zu lesen! Richtig toll geschrieben 🙂 & hört sich nach einer tollen Reise an
    Ganz liebe Grüße
    Wanda von https://findmeunderthepalms.com

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    1. Emily J. sagt:

      Wow, vielen vielen Dank!
      Ich bin auch immer wieder froh im Reisetagebuch zu blättern und werde mich jetzt mal auf deiner Seite umsehen!
      All the best

      Emily

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