Buchclub-Herbst. // I should watch TV.

Der Baum im Nachbargarten ist schon vor einer Weile abgestorben und deshalb ganzjährig von braunem Efeu und Ranken umwuchert. Irgendwann fällt er wohl in unsere Küche…egal, darum geht es hier nicht: Vor meinem Fenster ist immer zu Herbst. Aber jetzt ist auch das passende Wetter dazu im Lande und die Teekannen dampfen und die Mitbewohnerinnen basteln Kastanienmännchen und in Essen eröffnet ein Christmas-Store mit Epilepsie-Trigger-Warnung und die ersten Termine für 2019 werden herumgeschickt. Seien wir ehrlich: nach Ende September passiert doch bis Anfang Februar nicht mehr viel.

Hier ging es schon oft ums Lesen & Schreiben: um meine Mastarbeit über Gegenwartsliteratur, um Dylan Thomas-FestivalsLesenächte, Bücher-Challenges und Schreibblockaden. Aber heute gibt es eine kleine Edition meines persönlichen Buchclubs für die nächsten Tage, Wochen und Monate bis Weihnachten und bis zur nächsten Hitzewelle.

 

Ich habe schon länger das treue Goodreads-Plug-In unten im Menü – wer mag, darf sich da gerne umgucken. Aber mein echter real-live Goodreads-Account ist mein Sofatisch und da stapeln sich zur Zeit gleich mehrere tausend Seiten Papier, die, seien wir ehrlich, ich wahrscheinlich nicht alle lesen werde. Aber diejenigen, die einen besonders vielversprechenden Eindruck machen, teile ich sehr gerne hier.

Belletristik: 

  • The Underground Railroad, Colson Whitehead. Den Pulitzer-Preisträger habe ich zum Geburtstag geschenkt bekommen (Danke, Cherie!), und bin seitdem viel zu wenig zum Lesen gekommen. Die ersten 100 Seiten waren schon eine emotionale Tortur, die meinen Glauben an die Menschheit hart auf die Proben stellen. Sklaverei, Ausbeutung, Gewalt und Mut zum Widerstand bilden das Rückgrat des Buches und es wird nicht leicht werden, es weiterzulesen. Es fühlt sich gelinde masochistisch an es aufzuschlagen, aber furchtbar ignorant und abgestumpft, es wieder wegzulegen. In Kürze: Ich hätte es gern schon durchgelesen.
  • Lincoln in the Bardo, George Saunders. Ein Roman, der sich ein bisschen anfühlt, wie eine Schlaganfall-Therapie. Eine wunderbare, poetische, tieftraurige Schlaganfall-Therapie. Meistens frage ich mich: ist das das gleiche Buch, wie gerade eben? Habe ich es weggelegt und bin um 10 Jahre gealtert? Ist es ins Badewasser gefallen und hat sich verlaufen? Ist das noch Sprache? Ist das Englisch? Warum ist da ein deutscher Satz, und hat Abraham Lincoln das wirklich gesagt? Viel ist gesagt und geschrieben worden zu diesem merkwürdigsten aller Booker Prize-Träger und ich kann bei allem nur verwirrt nicken und zustimmen. Es ist tatsächlich grandios, wenn man sich einmal von allen Erwartungen ans lineare Erzählen oder von inquit-Formeln verabschiedet hat. Und wenn einem nach schwerer emotionaler Kost über tote Kinder und das Zwischenreich, das Lebende und Verstorbene in Trauer teilen, zu Mute ist.

 

  • The Scarlet Letter, Nathaniel Hawthorne. Einer dieser Klassiker, die man entweder in der Schule, im Einführungsseminar Amerikanistik oder halt nie gelesen hat. Ich kannte ihn nur aus der amüsanten Twin Peaks Szene, in der sich Audrey um einen Job zweifelhafter Natur bemüht und aus dem Witz in John Olivers Last Week Tonight. Ich bin gespannt, ob ich diesen Griff in die Penguins-Classics noch bereuen werde. Während der Uni-Zeit habe ich ja immer geschworen, dass ich nicht aufhören werde, obskures Zeugs zu lesen, wenn ich meinen Abschluss habe und ohne Reader und Modulprüfungen durchs Leben schlendere. Also, bitte, für 3CPs diesen Wälzer.

Sach-&Fachliteratur: 

  • TED Talks – The Official TED Guide to Public Speaking, Chris Anderson. Okay, ehrlicherweise höre ich den Text als Audible-Book beim Zugfahren. Dann aber mit viel viel Freude und einem Stift in der Hand, weil ich mir die Tipps&Tricks zu Erklär- & Präsentationsstragien unbedingt merken will. Chris tourt mit viel Freude und Ehrlichkeit doch Höhe- und Tiefpunkt seiner Zeit bei TED – der einflussreichen Media-Konferenz im Silicon Valley und erklärt en passant, welche Geschichten wir hören wollen und wie man gesellschaftlichen Wandel durch Visionen und Ideen anstößt.

one-does-not-simply-watch-only-one-ted-talk

  • Flourish – A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being, Martin E. Seligman. Ein Buch, das ich inzwischen allen Freunden und Fremden empfohlen habe, die mir über den Weg laufen. Ein sensationell kluges, fundiertes Werk mit praktischen Ansätzen und Raum für Selbstreflexion über die Wege und Strategien, wie man nicht nur auf einen psychosomatischen Nullpunkt kommt, sondern darüber hinaus auch noch langlebiges, tiefgründiges Glück und Wohlergehen empfinden kann. Ohne Esoterisches Rumgefaxe, Simplify-Hygge-ling; eher ein psychologischer Blickwinkel auf mein altbewährtes Lieblingszitat: Turns out you had it along. 
  • The One with all the Writing Advice, Sean Platt. Ich war in Lincoln so schwer begeistert vom 90-Day-Novel, dass der Schreibkurs es sogar hier auf den Blog geschafft hat. Seitdem war ich auf der Suche nach weiterer Schreib-Inspiration und bin schließlich bei diesem kurzweiligen Heft gelandet: einer Art Buch gewordener Podcast über grundlegende Charakter- und Plotstrategien anhand der Kultserie Friends. „Pivot yourself out of your writing block and into UNAGI.“ Es ist wirklich niedlich und verdeutlicht vor allem wie wichtig Szenen zur Charakterentwicklung sind, wie diese 4 süßen Minuten 90er Jahre Fernsehen belegen.

Wiedergelesen: 

  • Wiedergeboren – Tagebücher 1943-1967; Susan Sontag. Die Gedanken der großen Intellektuellen als Teenagern und junge Frau sind inspirierende Leselisten und wunderschöne Zeitzeugnisse aus New York & Paris. Das Buch habe ich vor gut sechs Jahren das erste Mal gelesen und hat es hat mein Bild vom Studium sehr bereichert. Jetzt wollte ich gern sehen, ob sich mein Blick auf sie geändert hat. Bisher fühlt es sich eher so an, als würde ich eine alte Freundin zum Tee treffen.

 

  • Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera. Mein absolutes Lieblingsbuch als Teenager, das es mir damals so angetan hat, dass ich mir den Titel als erstes Tattoo habe stechen lassen. Auch das ist eine Weile her und ich wollte eigentlich eines der anderen Kundera-Werke noch mal lesen, Die Unsterblichkeit, zum Beispiel und konnte plötzlich nichts mehr damit anfangen. Irgendwie wirkten die Gedanken schal und abgetragen. Aber DULDS ist immer noch leicht, süffig, klug und emphatisch. Dafür frage ich mich, was genau in mir passiert ist, dass ich mich plötzlich eher mit Thomas als mit Teresa identifiziere.

Das war jedenfalls die erste Ausgabe des Herbst-Buchclubs und ich verziehe mich wieder auf meinen Sessel unter meine literarische Heizdecke, während St. Vincent den Titelsong singt.

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Seit einigen Wochen zähle ich zu den Kindle-Besitzern. Da ist ein Blogbeitrag wie deiner extrem gefährlich – muss ich echt zurückhalten, nicht allzu oft auf „Bestellen“ zu drücken…

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Oh, da hätte ich auch keinerlei Selbstkontrolle 😀

      Gefällt mir

  2. Inquit ….. wieder einmal etwas gelernt 🙂 Danke für Tips, hört sich verflucht interessant an.

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Sehr sehr gerne!
      🙂

      Gefällt mir

  3. Kätzerin sagt:

    Hallo liebe Emily, magst Du bitte hier bei mir mal reinschauen?
    https://katzerin327418940.wordpress.com/2018/09/30/fuer-nell-und-emily/
    Daaanke Dir. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Oooh, vielen lieben Dank, das freut mich sehr 🙂
      Ich kommentiere gleich mal bei dir weiter,
      Alles Liebe

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s