Der Morgen danach. // The End of the Movie.

Das ist hier keine Medienkritik am frühen Abend – höchstens Selbstkritik kurz vor Mitternacht – aber sie beginnt mit einem Rückblick auf ein paar Minuten amerikanischen Fernsehens:

Als sie zuerst rauskam, war ich großer Fan der Serie How I Met your Mother, ich habe frenetisch mitgefiebert und mir einzelne Folgen sogar bei iTunes gekauft…man stelle sich die süße Vergangenheit à la 2013 nur vor. Damals war ich in meinen ersten Semestern an der Uni und fand das Leben der 5 Freunde in Big Apple ein sehr erstrebenswertes Gegenprogramm zu Einführungen in die Soziolinguistik und Credit Points. Ich hätte lieber im McLarens Burger mit Robin gegessen als die Rote-Beete-Puffer in der Mensa der Uni Duisburg-Essen, nur um das Ausmaß meines guilty-pleasures zu verdeutlichen.

Ich fand die Show herrlich unproblematisch und voller New Yorker-Chai-Latte-und-Bier-und-Amouröse-Verwirrungen-Feelings. Inzwischen schüttle ich ab und an den Kopf, wenn ich HIMYM mit der aktuellen Netflix-Qualität und dem echten Charme der alten Scrubs und Seinfeld-Staffeln vergleiche. So wie die Animationen in Dr.House inzwischen wirken wie Paint-Illustrationen, haben sich die platten Witze und gekünstelten Story-Lines mit eingeblendetem Lachen aus der Dose selbst überholt. Und das Finale habe ich den Autoren nie verziehen – das ist eine andere Geschichte.

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Aber es gibt eine Folge namens No Tomorrow (S3 E12, für die Trivia-Fans), an die ich in den letzten Tagen öfter denken musste und sie geht in etwa so: Lilly und Marshall haben gerade zur Finanzkrise und der Immobilien-Blase beigetragen und ein überteuertes Apartment in einem up-and-coming-Viertel gekauft, weil eine Maklerin (Janice aus Friends, btw., aaawmygod.) sie mit billigen Tricks um den Finger gewickelt hat. Als auf Lebenszeit verschuldete Erwachsene sind sie endgültig dem sorglosen Nachtleben der Anderen entwachsen und verbringen auch DIE Partynacht des Jahres, St. Patricks-Day, lieber im neuen Eigenheim und spielen Brettspiele auf dem schief verlegten Holzboden.

Anyhow.

Der eigentliche Plot der Folge geht so: Barney, das angeblich-lustig-überzeichnete-chauvistisch-sexual-gestörte-Party-Tier kommt ins Wohnzimmer geplatzt.  („Es ist witzig weil der Schauspieler schwul ist“; lautet die klassische Deflektion des Problems, „dann kann der Seriencharakter natürlich stalken, objektivieren und consent missachten, wie er lustig ist, hahaha! Sexuelle Gewalt ist nämlich LUSTIG wenn man nur das Framing ändert.“)

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Er fordert, dass wie jedes Jahr zum St.Patricks-Day gottlos gefeiert werde – Exzess auf Irisch eben.  Lilly, Robin und Marshall lehnen ab, nur Ted lässt sich von Barneys radikalem Memento-mori-Solipsismus überzeugen und beschließt, wie auch in den Vorjahren unter die Partymassen in New York City zu fallen. Beide trinken hemmungslos, flirten und tanzen, alles ist laut und irre und irgendwann kriegt Ted eine Faust ins Gesicht. Am nächsten Morgen isst er mit blauem Auge Cornflakes mit Marshall in der Küche, er hat sein Handy verloren und bei aller Zweidimensionalität der Serie fand ich schon immer, dass man seine Alkoholfahne, den Schweiß und den abgestanden Alkohol beinahe durch den Bildschirm hindurch riechen konnte.

„It – was – awesome!“ nuschelt er verkatert. „What is wrong with you?“ fragt Marshall giftig. Ja, was ist da falsch gelaufen, was ist aus dem romantischen Mittzwanziger mit Architekten-Karriere geworden, dass er unter dem Motto No Tomorrow allen guten Geschmack in die selbstverschuldete Alkolholvergiftung fahren lässt und sich verhält wie ein Erstsemester-Jura-Stundent auf Spring Break-Ferien in einem Ressort in Mexiko?

Am Wochenende war ich Ted.

Irgendwann zwischen Samstag und Sonntag habe ich versucht mit meiner Krankenversicherungskarte den Taxifahrer zu bezahlen. Unsere WG war auf eine Party in einer benachbarten Kneipe eingeladen, die sich bei der Nachbarschaft für die guten Nerven während der Sommer-Saison bedanken wollte. Der Rest der Nacht war klassisch im besten No Tomorrow- Sinne. Ganz unter dem Motto: Die Welt endet und wir sollten noch viel viel Spaß haben, bevor alles zu Ende ist.

Irgendwann stand ich mit einer meiner Mitbewohnerinnen an der Bar eines Clubs in Rüttenscheid, wir mussten so laut über die Musik hinwegschreien, dass unsere Trommelfelle noch am Sonntagvormittag überhitzt plärrten.   „Warum macht das keinen Spaß mehr?“ fragte sie, und ich schrie zurück: „Weil Rihanna läuft?“, aber sie hörte mich nicht und es war auch nicht die Wahrheit.

Die Wahrheit war, dass wir plötzlich betrunken und gleichzeitig hellsichtig waren, dass der Alkohol nur die Koordination verzerrte, aber nicht mehr die Wahrnehmung. Plötzlich sahen wir das Club-Interieur im grellen Licht, ohne die romantische Verzerrung der letzten Jahre. Es war, als wäre ein Effektvorhang im Theater aufgerissen und das Licht würde sich nicht vorteilhaft und lustig unter den Tanzen brechen. Sondern nur die Kontraste verzerren und uns alle mit verwirrter, schlechter Laune darzubringen, uns möglichst schnell nach draußen zu den Rauchern zu stellen, auch wenn keiner von uns raucht, wenigstens raus aus dem Trubel und dem Lärm.

Es machte wenig Spaß, mit Mitte 20 schon zu den Ältesten zu gehören, während die Jungs in unserem Alter aus aufmerksamkeitsökomisch verständlichen Gründen lieber mit dem Jura-Erstemester-Girls rumhingen. Es machte keinen Spaß, mehr Geld für schales Bier zu zahlen als (und ich kann nicht glauben, dass ich das unironisch schreibe) für einen guten Wein. Es machte überhaupt keinen Spaß, sich mit Ellbogen schubsend zu ein paar freien Quadratzentimetern Tanzfläche zu kämpfen und dann zu merken, dass man die Musik hasst.

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„Was war das denn?“ fragten wir, als wir am Sonntagmorgen alle um unseren Tisch zusammensaßen und Cornflakes mit Kaffee aßen. „Die letzte PARTY-Nacht EVER!“; sagte ich und die anderen nickten.

Nichts gegen die Lichter der Stadt bei Nacht, gegen leckere Cocktails, späte Stunden und laute Musik – aber nicht mehr so, nicht mehr unter der Prämisse, nur deswegen Spaß haben zu müssen, weil die Welt bald enden könnte. Ganz ehrlich, auch wenn es no tomorrow gäbe – ich würde meinen letzten Abend trotzdem lieber mit meinen Freunden bei gutem Essen und echten Gesprächen verbinden, als Hedonismus und Exzess in Studenten-Clubs zu suchen.

Tomorrow had arrived. Keiner von uns hat ein Apartment in New York gekauft, aber es gibt genug andere Anzeichen, dass wir langsam aber sicher zu alt für das Eine oder Andere sind. Vielleicht das Ende des Films unserer Studentenjahre. Vielleicht haben wir alle auf ein deutlicheres, cinematischeres Finale gewartet – oder wenigstens auf das eingespielte Publikumsgelächter. Aber, wie diese 1001-mal klügere Serie namens Crazy-Ex-Girlfriend erklärt – „life doesn’t make narrative sense.“ 

Darauf haben wir mit Soja-Cappuccino angestoßen, am frühen Morgen, der trotz allem No Tomorrow, no future dann doch gekommen ist, grau-orange-glitzernd überm Ruhrgebiet und mit spannenden Geschichten, neuen Shows und realen Möglichkeiten im Gepäck. Yes Tomorrow, bring it on. 

 

 

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr schön geschrieben und ich kann deine Gedanken ob des gerissenen Effektvorhanges gut nachvollziehen (obwohl ich persönlich nie ein Fan von HIMYM war, aber das ist, glaube ich, eine Generationssache, da für mich noch die Friends die alltags-Heroes waren). Liebe Grüße, Andrea

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    1. Emily J. sagt:

      Oh, als ich das erste Mal Friends gesehen habe, war es auch direkt um mich geschehen! Bin gerade mal wieder am Ende eines langen Re-Runs alter Lieblingsfolgen – aber seltsamerweise war HIMYM und vor allem der Soundtrack trotzdem sehr prägend! Kennst du Crazy Ex-GF? Wenn man über die Musical-Prämisse hinwegsieht ist das nämlich meine neue liebste RomCom-Sucht!

      Ganz liebe Grüße

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      1. Ich muss gestehen, dass ich seit Scrubs keine Serien mehr geschaut habe. Aber ich werde Crazy Ex GF eine Chance geben! 🙂

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  2. kp sagt:

    HIMYM war schon ziemlich creepy im nachhinein betrachtet. allein die the naked man episode. das ist eine taktik, die später durch harvey weinstein bekannt wurde…

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    1. Emily J. sagt:

      Ja, du hast völlig Recht!
      Das hier ist auch ein schöner Kommentar über wiederkehrende Serienmotive und die Verharmlosung von Sexismus durch eingespielte Lacher und „weil der das ja gar nicht so meint!“..

      Cheers!

      Gefällt 1 Person

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