Auf der Suche nach Dünger für eine unbekannte Pflanze. // October Song.

Ein kurzes Kapitel über unspezifische Prokrastination:

Zwischen dem Essener Dom und dem Primark steht regelmäßig ein Blumenstand. Weil Stereotype so stark sind, dass ich sie manchmal gar nicht bemerke, dachte ich immer, es seien holländische Tulpen, die von netten Holländerinnen verkauft werden. Als ich am Montag vor dem Regal stand, auf dem sich Gummibäume stapelten und ich versuchte zu entscheiden, welchem ich ein Zuhause zum Überwintern anbieten wollte, sagte die Floristin in schönster Berliner Schnauze: „Dit Kleene da kannste aber och haben wenndewillst, bissken Blühpflenzken?“

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Also nahm ich zwei Pflanzen mit nach Hause, der Gummibaum verliebte sich in die Aloe Vera und zusammen sitzen sie auf meiner Fensterbank und schauen raus in den Regen. Nur die Blühpflanze macht mir Sorgen. Seitdem ich sie aus ihrer Tüte gewickelt habe, blüt sie nicht mehr. Ich weiß, es ist Herbst, aber doch nur draußen. Kein Grund, hier drinnen die Blüten abzuwerfen und zu schmollen. Außerdem lässt sie die Blätter hängen – wenn ich morgens aufstehe um meinen ersten Kaffee des Tages zu gucken, werfe ich ihr einen Blick zu und sie sieht aus, als könnte sie auch einen gebrauchen. Ab circa 14 Uhr prallt die Sonne durchs Fenster, dann streckt die Pflanze ihre Blätter aus und leuchtet grün. Sobald sie Sonne hinter dem schwarzen Turm am Rathaus verschwindet, lässt sie die Blätter wieder ockerfarben sinken. Also gieße ich reichlich. In memoriam an die Orchidee, die ich im Schnellverfahren habe ertrinken lassen, weil ich dachte, sie sei nur durstig, habe ich mich auch der neuen unbekannten Blühpflanze vorsichtig genähert. Erst mal ein Fingerhut. Dann zwei. Am nächsten Tag vier. Am nachten Morgen ein großer Schluck. Ich gieße inzwischen mehr Wasser in ihren Boden, als in all meine anderen Pflanzen und trotzdem lässt sie morgens die Blätter grüngrautraurig hängen.

Heute habe ich die letzte Packung Blühpflanzendünger aus dem Regal des Supermarkts der Wahl gekramt, unter einem Berg Halloween-Dekorationen und Fake-Kürbissen hervor. Und einen neuen Cocosfaser-Humus-Boden angesetzt, sie umgetopft und ihr gut zugeredet, sogar mit Berliner Dialekt, vielleicht hat sie ja nur Heimweh.

Woher kommt dieser Motivations-Überschuss für eine Blühpflanze unbekannter Natur zum Herbstanfang? 

Profitiert sie wohlmöglich effektiv von meiner Aufmerksamkeitspyramide, die das Allerwichtigste vernachlässigt und sich lieber aufs Blumenumtopfen konzentriert:

Warum fällt es mir leichter, Cocosdünger zu besorgen und zu kneten, als die Kram-Schublade zu sortieren, die ich heute Morgen voller Selbstüberzeugung auf mein Bett gekippt habe, im verzweifelten Glauben, dass ich mich nun wirklich dazudurchringen müsse, sie zu ordnen, wenn ich nicht auf dem Teppich schlafen will?

Und warum habe ich fast zehn Monate gebraucht, eine Wand fertig zu streichen?

 

Und warum fand ich es einfacher, die Wand dann jetzt endlich doch zu streichen, als all die Briefe zu schreiben, an die Versicherung, die Bank, die Vermieter?

Aber diesen Beitrag zu schreiben schwieriger als dann doch die Kramschublade zu sortieren?

Warum konnte ich einfach Pläne zum Plätzchenbacken, Wegfahren und Zum-Friseur-Gehen im Dezember schmieden, aber keine Verabredungen für morgen Abend?

Und warum ist die Schreibblockade kurz vor Ende die Allerschwerste?

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Und wenn es sich ähnlich anfühlt, dieses Buch zu Ende zu schreiben, wie diese Wand zu streichen? Unaufregend, voller Farbkleckse und am Ende von Leere und Gedanken wie diesen beseelt: „Warum hast du das nicht schon vor Monaten gemacht, so schwer war es doch nun auch nicht?“

Es ist also Herbst geworden und mein Kopf schreibt To-Do-Listen in Vorbereitung auf den Winterschlaf, der nicht kommen wird. 

Und was, wenn ich alle Blumen umgetopft, meine Blühpflanze erfolgreich wiederbelebt, Wände gestrichen, den WG-Putzplan abgearbeitet, die Verträge gekündigt, die Versicherung angeschrieben, die Mails beantwortet, die Geschenke gekauft, die Power-Point-Fortbildung durchgearbeitet, die Fotos katalogisiert, meine Großeltern besucht, die Bücher durchgelesen, die Füge gebucht, die Konzertkarten gekauft, die Online-Profile aktualisiert, alle Online-Profile aller Leute, mit denen ich zur Schule gegangen bin angeschaut, meinen neuen Job angefangen, die BBC-Doku über Amy Winehouse geguckt, meine Prophylaxe-Termine bei allen Fachärzten abgeklappert, über die AfD geschimpft und für den Hambacher Forst demonstriert, und dieses Jahr aber wirklich diese  Ingwer-Kekse gebacken habe – dann kann ich doch wirklich wirklich beruhigt die letzten beiden Kapitel schreiben, oder nicht?

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kätzerin sagt:

    Vielleicht bist Du bloß erschöpft? Danach, nach einer ausgiebigen Ruhepause könnte sich einiges bewegen.
    Voriges oder vorvorletztes Jahr hab ich mir eine Orchidee zum Muttertag geschenkt, sie hat einen prima Standort in der ersten Reihe, denkt aber nicht ans Blühen.
    Meine Freundin hat mir mal großzügig flüssigen Orchideendünger abgefüllt, der reicht bis St. Nimmerlein. Deshalb dünge mit ihm ab Ende Oktober eh sämtliche Blühpflanzen, außer meine Seramis und Hydrokultur. Und zwar in einen Plastikschraubdeckel, der etwa Schnapsglas groß ist, pro Pflanze einen Tropfen mit Wasser am Vollmondtag. Dann erst wieder einen Monat später die nächste Düngung.
    Pflanz- und Umtopfzeit ist immer ab dem Neumond bis zum Vollmond, war also jetzt grad bisserl ungünstig. Quitt machen kannst das Ganze, indem Du mit Filterwasser gießt, also Brita oder so. Hat uns einer aus der TB-Community geraten, der hat in seinem Zimmerlein einen prachtollen Dschungel wachsen. Hab’s ihm nachgemacht – bewirkte wahre Wunder. ☀️
    Fasse auf die Erde, wie sie sich anfühlt. Und bei Neuanschaffung Topf im Untersetzer wässern, da brauchst auch nicht auf die Zeit zu achten. Viel Erfolg wünsch ich Dir, wobei, so einen richtig grünen Daumen hab ich freilich nicht … Ò_ó

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Oh, vielen vielen Dank für die lange Antwort und die guten Tipps!
      Was die Pflanze angeht – sie sieht heute schon viel fröhlicher aus, vielleicht brauchte sie ein bisschen Aufmerksamkeit 🙂
      Die Idee mit dem Orchideendünger und dem Filterwasser werde ich mir auf jeden Fall merken!

      Und ich? Ich musste nur ein bisschen jammern über meine selbstverschuldete Trotteligkeit, mich lieber mit meinen Pflanzen als mit Dingen mit Deadlines zu beschäftigen… nasse Blumenerde ist so schön geduldig, Abgabefristen sind es nicht. Aber du hast Recht, ein bisschen Ruhe vor der Winterruhe wird auf jeden Fall helfen!

      Alles Liebe!

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      1. Kätzerin sagt:

        Dankeschön. Dir auch. ☀️

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  2. rejekblog sagt:

    Hallo Emily,
    wunderbar einfühlsam geschrieben. Ich stieg sofort in deine Gedankenwelt, Grundgefühl und Gestimmtheit ein. Danke für den Einblick in dein Inneres.
    Alles hat seine Zeit. Und die letzten beiden Kapitel kommen noch. Dann aber mit Gewalt, wie ein Sturm. Und sie werden gut.
    Hatte neulich einem jungen verliebten Pärchen zugehört. Sie philosophierten über ihr erstes Date und der Junge Mann sagte am Ende: timing is everything
    Liebe Grüße, Peter

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    1. Emily J. sagt:

      Lieber Peter,
      Vielen vielen Dank dafür!

      Vielleicht ist das Innere manchmal ebenwie eine nimmersatte Blühpflanze vom Wochenmarkt im Herbst – mehr als Geduld und Wasser kann man ihm gar nicht anbieten.

      Dann warten wir zusammen aufs richtige Timing, wa?
      Herzlich
      Emily

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