Thank you nothingness.

am

Meine Mutter ist seit 9 Tagen tot.

Meine Mutter liebte Alanis Morissette, Kokosmakronen und lange Fahrradtouren.

Seit neun Tagen schlafe ich nachts kaum, und wenn, dann voller Albträume, in denen ihr Gesicht über meinem schwebt, in denen sie unantastbar zwischen mir und der Welt steht, eine umhergeisternde, sterbenskranke Eurydike, die flüstert: „Wenn du aufwachst, bin ich weg“ und ich wache auf, vor Schreck, vor Verwirrung, vor Trauer.

Sie ist neun Tage tot. Ich habe bisher nie verstanden, warum junge Eltern das Alter ihrer Kinder in Tagen und Wochen angeben. Aber wenn eine Geburt so welterschütternd ist, wie der Tod, dann bitte ich hiermit um Verzeihung für meine Ignoranz; die Tage zu zählen nimmt ihrem letzten Tag und den ersten Stunden ohne sie den Schrecken – mich interessiert nicht, was irgendjemand vor ungefähr anderthalb Wochen getan hat, aber ich werde immer wissen, wo ich vor 3, vor 5, vor 9 Tagen war, als meine Welt in zwei Teile zerbrochen ist – einer mit ihr, einer ohne sie.

Heute wurde ich das erste Mal in aller Ernsthaftigkeit gefragt, wo ich mich selbst auf der Elisabeth Kübler-Ross-Skala einsortieren würde, es sei schwierig einzuschätzen, ob ich nun wütend oder depressiv oder beides sei. EKR sprach als Erste von den 5 Phasen der Trauer: denial, anger, bargaining, depression and acceptance. 

„Ich bin noch in der Laugen-Phase“ habe ich geantwortet. „Ich kann nur Brezeln und Laugenecken essen, alles andere kotze ich wieder aus.“

Auf dem Rückweg durchs verregnete Rüttenscheid nach Hause zupfte ich Teigstückchen von meiner Laugenecke. Der trockene Teig klebt am Daumen und ich bleibe stehen, den Kopf in den Nacken, die AU zerknüllt in der Manteltasche. ICD-Code: F43.8 Sonstige Reaktion auf schwere Belastung. Thank you.

Thank you disillusionment
Thank you frailty
Thank you consequence
Thank you thank you silence
(…)
How ‚bout grieving it all one at a time

Und Frau Kühler-Ross? Was sagen Sie zu den Phasen der letzten Tage?

Ich habe nie abgestritten, dass meine Mutter todkrank ist.

Denial hilft auf der Palliativstation nicht viel. Denial  saß auf der Fensterbank in dem Raum, in dem die Pfleger sie mit Blumen und Kerzen aufgebahrt hatten, am Samstagmorgen, als es draußen schüttete und ich auf das wächsernweiße Gesicht meiner Mutter starrte, völlig unfähig jemals zu verneinen, dass sie tot ist.

Anger; wütend bin ich auf alles und jeden, der nicht die richtigen Worte findet. Jemand rief heute bei mir an mit den Worten, er sei jetzt über den Verlust meiner Mutter (die er seit 20 Jahren nicht gesehen hatte) hinweg und bereit, mir zu helfen. Dieser Jemand wird nicht mehr so schnell bei mir anrufen. Ich bin wütend auf die Welt, auf alle, immer. Auf meiner Mitbewohnerin, die morgens Krach in der Küche macht, wie Mama früher; die aber nicht meine Mutter ist und das ist ja schon mal Grund genug für glühenden Hass.

… okay, okay. 

Aber was ist mit den Phasen in denen, ich…

  1. nicht mehr weinen kann, nicht mehr denken, nicht mehr fühlen kann.
  2. mit meiner WG Pizza bestelle, lache, trinke und denke, dass es eine Zukunft gibt.
  3. mich Stunden später nicht traue einzuschlafen.
  4. so trocken schluchzte, dass mein Hals morsch knarrt.
  5. im DM auf einen Rückruf-Zettel starre, weil der Zartbitter-Riegel in der Charge reklamiert werden kann, der an ihrem Geburtstag abläuft. Und mich minutenlang nicht von diesem Datum lösen kann und der Vorstellung, was ich nächstes Jahr tun soll?
  6. in meinem Garten stehe und auf ein Rotkehlchen einrede, dass ich für ihre Reinkarnation halte.
  7. Ablenkung will, weil ich am vormittag dem Bestatter das O.K. zur Kremation gegeben habe; mit einer Freundin Glühwein auf dem Essener Mittelalterweihnachtsmarkt trinken gehe, nach Hause komme und meine Klamotten und Haare riechen schlimm nach verbranntem Holz und Lagerfeuer und ich muss mich übergeben vor Selbstekel und Grusel über die Vorstellung, was heute auf meine Anweisung hin mit dem Körper meiner Mutter passiert ist.
  8. mich frage, ob mein Universal-Spender-Blut eventuell per Transfusion meine Mutter noch eine Woche, noch zwei Wochen länger am Leben gehalten hätte.
  9. sie in Introspektion um Rat frage und sie nur vor mir schmunzeln sehe und sagen höre: „Mach doch, wenn es sich gut anfühlt.“
  10. drei Mal am Tag den Kontakt zu meiner Familie abbrechen will, nur um dann wieder über den Fotoalben der 5 wilden Schwestern zu brüten und eine der verbliebenen 4 unter Tränen anrufe, um eine Stimme zu hören, die genauso schwer von Trauer ist wie meine.
  11. keine Entscheidung treffen kann, weder was ich essen oder tragen will, ob ich wieder arbeiten soll, wen ich als nächstes anrufen soll.
  12. merke, dass es Einigen langsam auch genug wird, mit diesen deprimierenden Themen.
  13. wirklich unbedingt Nähe spüren will.
  14. wirklich unbedingt allein sein will.
  15. weine, wenn David Bowie bei WDR2 läuft, nicht wissend, ob um ihn oder Mama.

 

 

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. rejekblog sagt:

    Hallo Emily,
    sei einfach nur traurig und so lange und so heftig wie du willst.
    Es gibt nur die Emily-Trauer-Phase. Nur die zählt und die ist richtig.
    Drück dich, Peter

    Gefällt 3 Personen

    1. Emily J. sagt:

      Das muss ich mir einfach öfter sagen, lieber Peter. Vielen, vielen Dank!

      Gefällt 1 Person

  2. Anhora sagt:

    Lass dir nicht einreden, wie du zu trauern hast. Das weißt nur du, und jetzt ist nicht die Zeit für Richtlinien. Ich drück dich.

    Gefällt 2 Personen

    1. Emily J. sagt:

      Ich drück dich zurück, tausend Dank ❤

      Gefällt 1 Person

  3. silviakaroline sagt:

    Hallo Emily! 

    Dein Artikel hat mich zu tiefst berührt.
    Mein Vater wäre Morgen 68 Jahre geworden, er ist seit 5 Jahren 5 Monate und 8 Tage tot. Mann hört nie auf die Jahre / Monate zu zählen, genauso wenig hört man auch nicht auf an die schönen Jahre zu denken. Die Welt steht plötzlich Still und man kann nicht glauben dass sie sich für alle anderen Menschen normal weiter dreht, aber diese Stille gibt dir auch die Zeit zu trauern und diese Zeit gehört nur dir alleine. Niemand kann dir sagen wie diese Trauer auszusehen hat. Ich wünsche dir viel Kraft und Liebe aus deinem Umfeld. Ich drück dich!!

    Gefällt 2 Personen

    1. Emily J. sagt:

      Liebe Silvia, vielen Dank für deine Geschichte und die warmen Worte! Das Stillstehen im Vorweihnachtstrubel der Anderen finde ich auch am schwierigsten.
      Ich denke morgen an deinen Papa und Dich; ich kann mir auch vorstellen, dass mich der Geburtstag meiner Mutter nie wirklich loslassen wird.
      Fühl dich umarmt!

      Gefällt mir

  4. Liebe Emily,

    meine Gedanken sind bei Dir. Dein Schmerz war mein Schmerz, der Verlust meiner Mama die größte Zäsur. Ich habe auch schreibend verarbeitet, wenn Du magst, schau mal bei „Memoria tui. Am Ende ein Anfang“ vorbei, dieser Blog ist ihr und allen Müttern gewidmet. Vllt gibt es da den einen oder anderen Gedanken, der Dir zusätzlich Trost geben kann. Und, wenn Dir danach ist: https://secondavita.de/trauer-und-selbstfuersorge/

    Herzlichst, Andrea

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Liebe Andrea,

      hab vielen Dank, ich werde da später mal reinschauen. Das Wort „Zäsur“ gefällt mir auf bittere Weise, ja, es ist tatsächlich genau das.

      Alles Liebe

      Gefällt 1 Person

  5. tiker sagt:

    Soviel Schmerz und Wut und Trauer und Verzweiflung. Und so zu Recht. Der Tod ist unbegreiflich und grausam und eine schreckliche Qual für die, die zurück bleiben. Das Leben muss vergehen, jeder einzelne Moment, damit wir ihn erleben können.
    Zumindest dieses universale Gesetz verbindet uns alle miteinander auf ewig.
    ich würde Dir so gerne Trost spenden und kann es leider nicht.
    Ich denke an dich.

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Thanks, my dear!

      Gefällt mir

  6. Hier ist meine Umarmung für Dich, liebe Emily.

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Vielen vielen Dank, ich komme im Moment so wenig zum Schreiben, da freut es mich umso mehr, wenn ich solche Posts beim Einloggen sehe 🙂 ❤

      Gefällt 1 Person

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