Above the Clouds of Pompeii.

Meine Mutter ist seit 15 Tagen tot.

Und ich stehe morgens im schwärzesten Business Dress, das mir einfällt, vor dem Spiegel und versuche, mein Gesicht in dieser müden, abgezehrten Fremden zu sehen.

Im Zug denke ich, dass es all die Momente sind, auf denen einen weder Popkultur noch Disneyfilme oder andere Verlusterfahrungen vorbereiten können: lichtempfindlich, müde und sehr weit von mir selbst entfernt im Büro zu sitzen während draußen die Sonne über dem Rhein aufgeht.

Heute Morgen war ich als Erste da, und habe es sehr genoßen, mir erst einmal in Ruhe einen Tee zu machen, bevor der große Sturm losbricht. Die Gänge waren leer, die Computer rauschten friedlich und ich konnte erst einmal die Papierstapel auf meinem Schreibtisch von links nach rechts schieben und atmen.

Die Zeit zerbricht in Brocken, es ist 8:34, dann 9:17, dann 10:57.

Emails blinken und alles was mal dringlich war, rückt ziemlich weit nach hinten. Mein Team hält mir den Rücken frei und ich wäre so gern dankbar dafür, dabei ist alles was ich denken kann: sogar das Alles ist jetzt sinnloser als vorher. Nicht mal die Deadlines, die vorher (vor ihr, vor ihrem Tod, vor dem 10.11.) meinen Kopf für 40 Stunden in der Woche meinen Kopf eingenordet haben, sind noch wichtig.

Ich sehe über die angespannten Gesichter hinweg und fühle mich durchscheinend und unnütz. Ich wünsche mir eine große und dringliche Aufgabe, die mich in Anspruch nimmt, ich will nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Und  gleichzeitig zucke ich panisch, wenn irgendwo mein Name fällt.

Zwei, drei Kollegen reden nicht mehr mit mir, sie flüstern. Einer sagt aus Sorge gar nichts. Einer sucht ein Netzwerkkabel, steht mitten im Raum und eine Kollegin spricht in der dritten Person von mir; „Guck doch mal bei Emily, die hat vielleicht so eins im Schreibtisch“ und ich sage: „Sorry aber, ich bin direkt hier neben dir.“ Vielleicht war das die dreistete Lüge des Tages.

Es wird 12:23, 13:03, 14:18, ohne Ankündigung, es zerrinnt einfach ein ganzer Tag.

Als ich sage, dass ich gerade mal einen Moment für mich alleine jenseits des 10er-Team Open Space Büros brauche, sagt eine Kollegin: „Oh, ich komme mit“ und sucht sich damit zielsicher den Moment, in dem ich mich am wenigsten wehren kann.

Wir fahren im Aufzug in die Cafeteria; ich hasse-hasse-hasse Aufzug fahren, es ist eng und stickig und ich bin schon an normalen Tagen dafür nicht zu begeistern. Jetzt gerade wollte ich einfach nur einen Moment lang im Treppenhaus stehen und durchatmen, stattdessen finde ich mich, wie in einem schlecht geschnittenen Film in der Cafeteria-Schlange wieder, von drei Seiten drängen sich Leute an mir vorbei, meine Bezahlkarte funktioniert nicht und ich bin über alle Maßen unglücklich und gestresst, während ich den Gummideckel auf meinen Bambus-Öko-Becher fummele. Währenddessen fragt sie mich, ob ich den RTL Spendenmarathon mit einem offenbar populären Mitglied der Kelly-Family gesehen habe und mir passiert wieder einer der medialen Total-Ausfälle, bei denen ich keine Ahnung habe, wer wann auf deutschen Fernseher zu sehen ist.

Wir stehen wieder im Aufzug, neben mir der Kollege aus der Poststelle, der sich meinen Namen nicht merken kann, aber meinen Geburtstag („Weil ich hab eine Woche später“ – Top!); er lächelt breit und ich sinke mich auf Bauchatmung statt auf Klaustrophobie konzentrierend gegen die Aufzugwand. Die Kollegin schaut mich an: „Ich wollte noch sagen, dass mir das total leid tut mit deiner Mama.“

Sie macht das alles okay, von Halbfremden kann man eigentlich nicht noch mehr erwarten und rational weiß ich das. Aber emotional drückt sich der ganze Aufzug zu einem Schlauch zusammen und der Kaffeebecher wird immer heißer in meiner Hand und der Postwagen des ebenfalls im März geborenen Kollegen wird immer größer und die Luft immer dünner und das Rattern immer lauter und  ich starre auf meine Schuhspitzen und nicke gegen die Erdanziehung an; „Hm-hm“ sage ich, und „Danke“, so kühl, dass ich mir einreden kann, gerade nicht vor Panik und Trauer und Deplatzierung innerlich zu zittern. Als letzte Rettung gucke ich auf mein Handy, das ich in der Kaffeepause immer in der Jackentasche habe. Es ist eine Routine; es kann ja sein, dass Mama oder das Krankenhaus anrufen.

Auf dem Display eine Nachricht und mein Kopf überschlägt sich vor Freude. Ich klicke sie an.

Sie ist von meinem Bruder, der mir Vorschläge für das Restaurant zum Kaffeetrinken nach der Beerdigung schickt. Die Realität ist brüchig und voller Risse.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anhora sagt:

    Danke fürs Teilen dieses Videos. Es ist wunderschön, und herzzerreißend. So fühlst du dich wohl gerade.
    Ich schick dir ein paar gute Gedanken und liebe Grüßle. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Ich schicke dir liebe Grüße zurück – ich mag die Band sehr, aber mit dem Video haben sie sich noch mal selbst übertroffen! Alles Liebe

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  2. rejekblog sagt:

    Ay Emily,
    drück und denk an dich.
    Liebe Grüße, Peter

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Lieber Peter, fühl dich mal lieb aus Köln umarmt!

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      1. rejekblog sagt:

        Hallo Emily,
        Dank dir. Köln. Eine meiner Lieblingsstädte.
        Liebe Grüße, Peter

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