Die letzten Tage der alten Welt.

am

Kapitel 1.

Meine Mutter ist heute vor genau vier Wochen verstorben. Es war der 10.11., St. Martinstag. Es war ein regnerischer Morgen, genau wie heute. Ich saß in der Wohnküche der Palliativ-Station, vor mir eine Tasse Tee und ein Zwieback, den ich keines Blickes würdigte. Ich hatte die ganze Nacht gekotzt. Präzise seit 3.15 Uhr; seit dem Augenblick, in dem die Nachtschwester zu uns auf den Gang kam, mit belegter Stimme und sagte: „Es ist vorbei. Sie hat es geschafft.“

Filmriss. Vögel im großen Baum im Krankenhausgarten im dunkelblauen Morgenlicht um 4 Uhr. Ein Bett, irgendwo.

Vier Stunden später saß ich am runden Tisch der Station, jemand hatte eine Zeitung und eine Tüte Brötchen aufgebaut. Ich hatte mich seit diesem Moment um 3:15 Uhr alle drei Minuten übergeben müssen, irgendwann nur noch krampfhaft gewürgt. Jetzt saß ich vor meinem Zwieback, wartete, wartete, dass jemand sagte, dass alles ein Irrtum war; wartete, dass der Bestatter zurückrief; wartete, dass Verwandte kommen würden.

Wartete, dass das Wasser an der Scheibe kondensierte.

IMG_5187

Ich hatte viel Zeit in dieser Wohnküche verbracht, alle Getränke im Kaffee-Vollautomaten ausprobiert und die Maserung im Holz immer und immer wieder mit der Fingerspitze abgefahren. Es waren ölige Möbel aus den frühen 90er Jahren, aber es war auch der herzlichste Raum, den ich je in einem Krankenhaus erlebt habe.

Meine Mutter war mit Rückenschmerzen aus unserem Portugal-Urlaub wiedergekommen. Physiotherapie, Wärmekissen und Entspannung halfen nicht, nach zwei Wochen brüllte sie vor Schmerz bei jeder Bewegung. Ein MRT bestätigte Tumore auf der Wirbelsäule und im Becken. Halbherzig versuchte das Team der Onkologie, sie noch einige Male lokal zu bestrahlen, aber ihr Enthusiasmus schwand mit jeder Stunde, die verstrich. In der letzten Oktoberwoche widersprachen wir jeder weiteren Behandlung und baten um Verlegung auf die Palliativ-Station.

Morphium-Pumpen wurden gebracht, der Ton der Pflegekräfte wurde immer sanfter.Am 1. 11. hatte ich frei, Feiertagsregelung in NRW sei Dank.

Ich saß den Tag über bei ihr, wir spielten Mensch-Ärgere-dich-nicht und sie konnte die Felder, auf die sie ihre Figuren zog nicht mehr erkennen, sondern strich nur abwesend sanft mit den Fingerspitzen über das Brett. Rückblickend war das der letzte Tag, an dem wir uns wirklich unterhalten haben, so tief wie es mit jemandem in einer Art Wach-Narkose eben möglich ist.

IMG_5108

Rückblickend war auch völlig klar, dass dies die letzten Tage ihres Lebens waren.

Aber seit der Diagnose „Magenkrebs mit Metastasen in Bauchfell, Gebärmutter und Knochenmark“ kamen uns allen alle Zeit mit ihr wie die letzte vor.

Die Tage zogen sich und fühlten sich an wie vergiftete Geschenke, geschenkte Zeit mit tickender Uhr. Sie starb, aber sie lebte doch noch. Sie starb, wollte es nicht wahrhaben und forderte Normalität. In einem konstanten Grusel zwischen Leben und Tod kochten wir zusammen, wir stritten, hörten bei Audible britische Hörbücher, puzzelten, gingen spazieren, schwiegen uns an, spielten Backgammon.

Seit April 2017 hatten wir alle in diesem luftleeren Raum aus Angst und Unglaube und Wut und Horror und Langeweile und Abwarten gelebt, in dem jedes Wort gleichermaßen unendlich gewichtig und völlig bedeutungslos erschien.

IMG_5181

5 Tage später. 

Am Dienstag, 6. 11., stand ich mit einem Kaffeebecher in der Hand mit meinem Team auf der Avenue Charles-de-Gaulle in Paris, es war meine erste Dienstreise im neuen Job.

Meine französischen Kollegen wuselten um mich herum, es war laut und eine feste Glocke aus Abgasen hing über der Stadt, jeder Atemzug schmeckte nach Dieselmotor. Mein Handy klingelte, +49 0211 -Düsseldorfer Nummern hießen immer Krankenhaus.

Automatisch ging ich dran, ich wäre immer dran gegangen, ich lebte in Blaulichtstimmung auch wenn ich im diesigen Sonnlicht mitten in Frankreich stand.

Eine Stimme war sehr freundlich und so direkt, wie sich niemand in den 18 Monaten vorher getraut hatte mit mir zu reden: „Ich will Ihnen die Chance geben sich zu verabschieden. Vielleicht nehmen Sie sich die nächsten Tage frei. Sie wird es nicht übers Wochenende schaffen.“

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anhora sagt:

    Manchmal weiß man gar nicht, woher man die Kraft genommen hat, um so etwas durchzustehen. Manchmal will man diese Kraft nicht einmal haben, sondern sich einfach hinlegen und die Decke über den Kopf ziehen. Und trotzdem geht alles weiter, ob man will oder nicht.
    Ich drück dich.

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Da hast du Recht! Deswegen ist es mir so wichtig, diese letzten merkwürdigen Tagen festzuhalten; weil ich schon jetzt nicht mehr ganz verstehe, was passiert ist und wie ich es ausgehalten habe.

      Ich lese gerade „Wild“ von Chery Strayed, und sie schreibt: „There was only one choice. There was always only one choice. To keep walking.“

      Alles Liebe!

      Gefällt 1 Person

      1. Anhora sagt:

        Liebe Emily,
        das Unveränderbare in unserer Alles-ist-machbar-Welt ist wie ein Sprung von der Klippe. Meine Mutter hatte einen Schlaganfall und ich musste ihr sieben Jahre lang beim Wenigerwerden und Sterben zuschauen. Mir hat es auch geholfen, durch Aufschreiben wenigstens das festzuhalten, was ich mit ihr erlebte und was es mit mir machte. Ich schreibe heute noch gelegentlich über sie.
        Es ist immer noch nicht recht fassbar und ich belasse es dabei, man muss nicht alles verstehen. Aber man muss weiterleben, es gibt noch ein bisschen was zu tun. 🙂
        Liebs Grüßle

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s