Die letzten Tage der alten Welt.

Kapitel 2.

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Die Autos rasten um mich herum, Paris war winterlich warm, niemand hatte von den Gelbwesten-Protesten gehört. Der 6.11. ist 100 Jahre her. Die Stimme am Telefon war weich:

„Ich will Ihnen die Chance geben sich zu verabschieden. Vielleicht nehmen Sie sich die nächsten Tage frei. Sie wird es nicht übers Wochenende schaffen.“

Ich bedankte mich.

Immer und immer wieder.

Danke, dass Sie mich anrufen.

Danke, dass Sie mir das sagen.

Danke, dass Sie bei ihr sind.

Danke, dass Sie meine Nummer sofort gefunden haben.

Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen.

Danke, dass Sie so ehrlich sind.

Danke Danke Danke.

Ich stand, atmete, wartete, dass die Information in meinen Bauch diffundierte. Anderthalb Jahre voller vager, frustrierender, todtrauriger Nachrichten kamen hier knirschend zum Stehen. Meine Mutter würde sterben, nicht abstrakt irgendwann; nicht in 3-6 Monaten irgendwann; die nächste Kalenderwoche würde ohne sie beginnen, enden, vorüberziehen. Meine Hand rutschte in meine Laptop-Tasche und umklammerte eine schwere Glaskugel, eine Art Erinner-Mich an unser letztes Gespräch. Sie hatte mich gefragt, ob ich ihr etwas aus Paris mitbringen könne und ich trug seit gestern eine schwere Schneekugel gefüllt mit rot-weiß-blauem Konfetti mit mir herum. Früher hätte ich ihr ein Buch von Shakespeare&Company mitgebracht, aber sie konnte doch keine Buchstaben mehr erkennen. Oder ein Croissant – aber sie mochte ja nichts mehr essen.

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Meine Kollegen drehten sich zu mir um, im Team plappern wir immer  in einem spielerischen Französisch-Englisch Pick&Mix. Sie hatten natürlich nicht verstanden, worüber ich gesprochen hatte. Ich merkte dumpf, wie ich ihnen hinterher in ein Restaurant ging, mich setzte, etwas bestellte in dem ich wahllos auf die Karte zeigte und dann in Schweigen verfiel. Ein Kollege erzählte von seinem Junggesellenabschied und ich hörte meine eigene Stimme einen dreckigen Witz machen und dann freudlos lachen.

„Everything ça va?“ fragte mein Teamchef. „Je ne sais pas“, antwortete ich tonlos. „No, not really. C’est mardi already and she said le weekend and je ne sais pas, that’s like really soon, I kind of want it to be like samedi last week or something.“

Wir schwiegen einen Moment. Er stand auf und ich folgte ihm raus auf die Straße, wo ich versuchte, einen kohärenten Gedanken formulieren, möglichst in einer kohärenten Sprache.

Ich erinnere mich an die nächsten Stunden in glaskarer Leere, wie ich ihm auf der Straße sage, warum ich sofort nach Hause fahren muss, er mich kurz umarmt; ich in unserem Open Space Office sitze, mit 15 Anderen, die alle betroffen schweigen.

Wie das Communications Team aus dem Nebengebäude für ein Meeting mit mir reinkommt, das eigentlich abgesagt worden war und ich zwischen den beiden hin und her gucke als wäre ihr fröhliches Geplapper eine japanische Spielshow, deren Regeln ich nicht verstehen bei all dem Geblinke und Geflirre. Wie ich auf dem Gang vor den Toiletten stehe und mit meinen besten Freundinnen telefoniere. Wie ich in die Metro steige, wie automatisiert; mir ist völlig unklar was das heißen soll –  Meine Mutter stirbt. Sie stirbt. Sie stirbt seit anderthalb Jahren aber jetzt stirbt sie wirklich und WARUM gibt es NICHTS das einen darauf vorbereitet, selbst wenn man es weiß, selbst wenn man VORBEREITET ist und alles gesagt hat.

Mein Zug nach Hause kommt in zwei Stunden und ich verbringe die Wartezeit im Buchladen am Gare du Nord. Ich will nicht mit meinem schweren Dienstreisenkoffer durch Paris irren, ha, ich lache bellend auf, mutter-seelen-allein, get it? It’s funny cause it’s true.

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Meine nächste Erinnerung spielt im Thalys Bordcafé. Ich stehe in meinen Business-Kleidchen an der Bar und trinke eher unangenehmen Wein aus Plastikflaschen. Meine Tasche und alle Sachen liegen an meinem Sitzplatz und ich höre mich denken, dass es mir völlig egal ist, wenn jemand meinen Laptop klauen will, bitte, das wäre nicht das Schlimmste, was diese Woche passiert.

Ich rufe wahllos Menschen an. In Belgien bin ich relativ betrunken und um halb elf falle ich aus dem Zug aufs Gleis; es ist das komischste Gefühl der Welt, einfach nach Hause zu laufen, die Tür aufzuschließen, die Tasche abzustellen, zu duschen, zu schlafen; eine bunte Sammlung Verben zum Feierabend, als drehte sich die Welt einfach ganz normal weiter.

Beim Einschlafen denke ich noch:

Morgen ist Mittwoch. Mittwoch. Wochenende. Was heißt das eigentlich, für manche Leute ist ja Freitags schon Wochenende. Und woher wissen die das überhaupt so genau?

Aber die Welt drehte sich weiter und als ich am nächsten Morgen am Bett stand, wusste ich genau, woher die Stimme am Telefon so genau gewusst hatte, dass es nur noch ein paar Tage sind.

7 Antworten auf “Die letzten Tage der alten Welt.”

  1. Man hat in solchen Situationen ja manchmal das Gefühl, als stehe man neben sich und schaue sich selbst zu, was man gerade so macht. So hört sich deine Schilderung an. Es tut mir so Leid. Alles Liebe

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  2. Liebe Emily,

    der Titel ‚Die letzten Tage der alten Welt‘ hat mich sehr berührt, denn die neue Welt scheint nun ohne Mutter zu sein. Doch dies ist nur äußerlich so, empfinde ich, da eine Mutter erst gehen kann, nachdem das Kind sie in sich selbst verinnerlicht hat. Und da ist sie nun, umarmt dich von Innen, steht dir bei und gibt Antwort, so lange du hier atmest und auf der Erde lebst. Welch ein Glück dazu, dass du schreiben kannst, um das Unfassbare zu erhellen.

    Möge das Jahr 2019 dir alles erleichtern, an dem du jetzt noch schwer trägst.

    Fühlbare Grüße
    Luxus

    Gefällt 1 Person

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