100 Tage.

Meine Mutter ist seit 100 Tagen tot.

Out of the Woods  

Ich würde gerne sagen, dass die Welt still steht und schweigt und ich andächtig mit ihr. Aber in diesen 100 Tagen bin ich von Wuppertal über Hamburg von Paris nach London, von Essen nach Thüringen und wieder zurückgekommen. Es hat literweise geregnet und ich habe literweise geweint. Ein Jahr ist zu Ende gegangen und es war das Letzte, in dem meine Mutter noch gelebt hat. Weihnachtstage sind gekommen und es waren die ersten ohne sie. Ich könnte nicht einmal sagen, was von beidem sich bitterer und endgültiger anfühlt.

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Auch in diesen 100 Tagen standen die Mühlräder meiner kleinen Trauerneurose nicht still. Die Trauer flüstert mir zu, dass die dunklen Gedanken nur in stillen Momenten kommen, also dreh die Musik auf, stell dich an die Straßenkreuzung und plappere den ganzen Tag, auf WhatsApp, im Büro, am Telefon, rede rede rede, Sheherazade hat 1001 Geschichten erzählt und erzählt um ihre Hinrichtung aufzuschieben, dann kann ich auch gegen Mamas Tod anplappern, bis der Unendlichkeit die Argumente ausgehen.

In diesen 100 Tagen hatte ich eine diagnostizierte maladaptive Belastungsreaktion, aber ich habe auch hunderte Nachrichten geschrieben, 5 Hörbücher durchgehört. 13 Filme & Serien geguckt. 3 Bücher gelesen. Auf einem Mittelalterweihnachtsmarkt Stockbrot gegessen. Eine Grabrede geschrieben & gehalten. Ihr Haus entrümpelt. Fotokisten gepackt. Klamottenkisten gepackt. Tee-Servicekisten gepackt. Bücherkisten gepackt. Oh diese Büchersammlung. Diese verdammte Büchersammlung. Den neuen Harry Potter Film im Kino gesehen. Jemanden geküsst. Selbstgemachte Nudeln gekocht. Meine Haare abgeschnitten. Überstunden gemacht. Zu Silvester angestoßen. Blumen auf ihr Grab gelegt. Flugtickets gekauft. In einer Sauna gelegen. Eine Katze gestreichelt. In einem Club getanzt. Eine Kerze im Essener Dom angezündet. In London gefrühstückt und in Paris auf den Jahresumsatz angestoßen.

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Bloß geholfen hat das alles nicht.

Das ist die traurige Synthese aus all den stillen und lauten Momenten, den Ratgebern und den unaufgeforderten Tipps: Es tut immer gleich scheiße weh, egal ob du dich jetzt betrinkst oder nicht betrinkst; lachst oder nicht lachst; arbeitest oder nicht arbeitest. Nichts auf der Welt tut so gut oder so schlecht, dass es mich davon ablenken könnte, dass meine Mutter seit 100 Tagen tot ist und ich immer noch keine Idee habe, was ich dagegen tun kann.

Moving On heißt vielleicht einfach genau das – sich weiterweg bewegen, weil es immer nur eine Richtung gibt: weiter.

Nicht länger in eine glitzerende Notfallrettungsdecke eingewickelt zu stehen, heißt auch…weitergehen. Weil es den Ort, an dem wir zusammen standen und in den Sonnenuntergang geguckt haben nicht mehr gibt. Und weil auf sie zu warten; sich umzusehen; die Augen zuzukneifen und zu beten und zu bitten NICHT hilft.

Cheryl Strayed schreibt in Wild, einem der 3 Bücher, die ich gelesen habe und die mir an den dunkelsten Tagen die Welt vom Leib gehalten haben:

„I considered my options. There was only one, I knew. There was always only one. To keep walking.“

Nächsten Monat zieht es mich zurück nach Großbritannien. Der Job schickt mich dieses Jahr erst ins Londoner Office und dann weiter nach Berlin. Und am ersten Wochenende im Königreich bin ich auf einer Wandertour an der Englisch-Walisischen Grenze.Etwas, was ich nie getan hätte – ich mag Netflix, mein Sofa und Pendlerstress viel zu gern.

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Aber meine Mutter hat es geliebt an der frischen Luft zu sein, zu gärtnern, Fahrrad zu fahren, zu schwimmen. Sie kann nichts mehr davon tun, keinen der Wanderwege dieser unendlich großen Welt mehr gehen. Und mich macht das Verharren auf meinem Sofa, mit Blick auf ihre Fotos, Kerzen, Bücher, eingekuschelt in ihre alten Pullover mit Regen vor dem Fenster und Serien auf dem Laptop auch nicht mehr froh – im Gegenteil, es hält mich genau an diesem metapsychischen Trauer-Ort fest, an dem ich jeden Tag aufs Neue feststelle, dass sie fehlt, 100 Mal hintereinander.

Ich kann mir nicht vornehmen, dass es mir ab jetzt besser geht. Oder dass es einfacher wird. Oder dass ich plötzlichen Frieden und Sinn darin sehe, dass meine tapfere, kluge, liebevolle Mama mit 48 gestorben ist. Was ich tun kann:

Mehr draußen sein, mich mehr bewegen. Ihretwegen, meinetwegen.

Out of the Woods heißt für mich – zurück in den Wald.

10 Antworten auf “100 Tage.”

  1. Die Trauer will sich am Leben erhalten, das ist ihr gutes Recht. Auch das Vermissen hat alles Recht, über den Verlust zu klagen. Ich finde, dass keine Idee notwendig ist, die dagegen etwas tun könnte, wozu auch, der Schmerz selbst ist eine Idee, weil er am ehesten in der Lage ist zu würdigen, was deine Mutter dir bedeutet. Trage sie im Herzen, wenn du auf Wanderschaft gehst.

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  2. 48 ist eindeutig viel zu früh für eine Mama, schon zu gehen und vielleicht fühlt es sich genau so an. Und natürlich kannst du dir nicht vornehmen, dich besser zu fühlen. Manchmal gibt es tatsächlich nur auszuhalten was da ist und trotzdem weiter zu gehen. Du machst alles richtig, so wie es aussieht.

    Viel Kraft und Mut auf diesem Weg wünsche ich dir von Herzen!

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  3. Liebe Emily, ich folge deinem Blog schofn lange und das, was über die Krankheit, den Tod deiner Mutter und dein Leben und deine Trauer danach schreibst, berührt mich sehr. Vielleicht auch, weil ich eine Tochter habe, die etwas älter ist als du. Und vielleicht schreibe ich dir deshalb; Es ist gut, wie du es machst, du schaffst es, LG

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  4. 100 Tage sind nichts, auch wenn die Zeit den Schmerz bestimmt mildert, es wird noch lange dauern bis die Situation vielleicht erträglich ist…..
    Alles Liebe für Dich und denk an die schönen Momente mit ihr, die schönen Erinnerungen auch wenn Du dabei noch weinst ❤

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