Lake District // Die Corona-Kapitel.

It’s Storytime:

Das Osterwochenende 2019 begann für mich am Ende der Picadilly-Line, noch hinter Hounslow an einem Rastplatz nahe der nächsten Autobahn, bepackt mit einem kiloschweren Rucksack und einem Jutebeutel voller proteinhaltiger Bio-Fertigsnacks und Nüssen. Vier Tage Self-Catering in einer Waldhütte voller Stockbetten und fremder anderer Londoner auf Großstadtflucht. Glamourös geht anders.

Tausche Rush Hour in London gegen Schafe in Cumbria.

Der Lake District liegt am nordwestlichen Rand Englands, ein Nationalpark in Cumbria, beliebt wegen der pittoresken Dörfer und unzähligen Wanderrouten um die Seen herum. Die Region ist voller Berge, unter anderem auch Englands höchster: Scafell Pike. Es gibt Menschen, denen das nicht reicht. Die sich verabreden, die drei höchsten Berge in Großbritannien an einem Tag zu besteigen: Sie beginnen um vier Uhr morgens damit, in Schottland Ben Nevis hochzuklettern, rennen am Vormittag wieder hinunter, springen in Autos, fahren in den Lake District, kraxeln Staffel Pike hoch, joggen wieder runter, springen ins Auto, schlummern auf der Fahrt nach Wales, wo sie dann in den letzten Abendstunden Mount Snownon im Snowdonia National Park besteigen. Keine Ahnung, warum unser Tourguide Richie uns diese Story erzählt hat, während wir uns auf den Stufen der Blockhütte die Wanderschuhe anzogen. Vielleicht um kurz zu erwähnen, dass unsere Tour heute eigentlich ein ziemlicher Witz gegen seine sonstigen Hobbys war.

Es war eiskalt am Morgen unter den schattigen Bäumen vor der Hütte, aber wir trugen literweise Wasser in den Rucksäcken mit uns herum, es würde am Mittag brüllend heiß werden. Die Wanderroute führte von Ambleside nach Windermere, über Umwege und um Seen und Plateaus herum. Ein leichter Einstieg bevor es ans Bergsteigen ging.

Wenn ich an diese vier Tage denke, fällt mir meine beste Wanderfreundin Lexie wieder ein, die dabei war, um sich auf eine Machu-Picchu Tour vorzubereiten. Sie hätte mir als Gesellschaft völlig gereicht. Gerne an der Raststätte ausgesetzt hätte ich die Gruppe lauter trashiger Londoner Großstadtkids, die beiden liebeskummertrunkene PR-Agentinnen und die unsagbar schlecht gelaunte Französin, die in Chucks versuchte Scafell Pike zu besteigen. Es waren laute Tage – laut, weil die Gruppe wuselte und kreischte, Richie herumbrüllte, jeder Tritt auf den unebenen Boden den Ohren widerhallte und der Wind um die Berggipfel rauschte.

Umso schöner, dass es stille Momente gab, in denen ich im Takt zu meinen Schritten atmete, und nichts mehr dachte. In denen ich erschlagen an Aussichtspunkten ins Gras fiel, und erstmal eine Weile in den Himmel starrte, bevor ich mich aufrichtete und diese spektakuläre Landschaft vor mir sah:

Die Wochen in London hatten mich ausgelaugt: neuer Job, neues Team, ein winziges Zimmer in einer Collective-Living-Expierence, die XR-Proteste, die schlechte Luft und die Erinnerungen, die am Geburtstag meiner Mutter hingen… Wer braucht da noch die Three Peak Challenge? Ich war k.o. gewesen noch bevor ich den ersten Schritt an den Berghang setzte.

Doch die Tage im Lake District waren heilsam, beeindruckend und irre anstrengend. In London musste ich mich zwingen aufzuhören nachzudenken. Hier übernahmen die Höhenmeter das gerne für mich, nach einer halben Stunde steilem Aufstieg hörten die Gedankenspiralen ganz von alleine auf, und es war nur noch eine Frage von Ein- und Ausatmen. Fuß auf den Boden. Den anderen Fuß auf den Boden. Atmen. Steil. Hoch. Kalt. Heiß. Anstrengend. Beine. Atmen. Zitternde Hände beim Wassertrinken. Kurz Innehalten. Dieser Ausblick:

Als absolutes Stadtkind habe ich nie verstanden, warum sich Erwachsene freiwillig diese unattraktive Outdoor-Kleidung anziehen und dann schnaufend auf ausgedehnte Spaziergänge gehen. Und hätte mir jemand gesagt, dass ich in London leben und am Wochenende einfach nur aus der Stadt rauswollen würde, statt mich in ihr zu verlieren, ich hätte nur gelacht.

Jetzt liege ich hier in Berlin auf dem Teppich und träume von Schafen im Lake District, vom trockenen Grasgeruch, dem Geschmack von Kokosproteinriegeln und dem verdienten Berg Nudeln am Abend. Vom Gefühl, die Welt wie einen Abenteuerspielplatz vor mir liegen zu haben. Vom Rausch der Glücksgefühle, oben angekommen zu sein. Von unseren wilden Flüchen auf Richies mörderische 36km Touren. Vom Grasmere-Gingerbread. Vom einmalig tiefen Schlaf im Schlafsack in der feuchten Wanderhütte. Von der Uneitelkeit, und dem Gefühl, verschwitzt und ungeschminkt die Sonne ins Gesicht knallen lassen zu können. Von den neuen Wanderschuhen, die ich mir gekauft habe, um dieses Jahr den Wales Coast Path laufen zu können.

Stranger Things have Happened.

xoxo

3 Kommentare

  1. Wir sind mal am Hadrianswall entlanggewandert, von newcastle nach Carlisle. Das hilft auch gegen Gedankenkreisel, vor allem der mittlere Teil. Ist aber nicht so anstrengend wie Bergkraxeln. 😏

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