A ghost ship driving my heart home// Die Corona Kapitel.

Ein Ausflug im Regen zu einem Schiffswrack an der irischen Küste. Und ein paar Gedanken zu Cheryl Strayed und Geisterschiffen. 

Vor zehn Monaten stand ich an einer Reling einer winzigen Fähre. Innen roch es wie ein Klassenfahrtsbus, deswegen klammerte ich mich draußen an die Reling und fragte mich, ob es noch andere Menschen gibt, die ihren Sommerurlaub in der grauen Nebelsuppe der irischen Atlantikküste verbringen. Das Boot röhrte und wurde von links nach rechts geschüttelt. 12,- kostete die Überfahrt auf die Aran Islands, so viel wie ein Zusatzticket vom VRR-Gebiet nach Köln – eine wichtige Maßeinheit, wenn man als 16-Jährige Konzertausflüge plant und das Schülerticket nur an die Grenzen des S-Bahnnetzes reichen. 

12,- Euro hätten mir in Dublin zwei Guiness und ein Sandwich gekauft, ich hätte in der Sonne im Phoenix Park sitzen und lesen können, dachte ich, meine Hände klamm und eine neue Welle vor uns, die die Fähre von rechts nach links warf. Eigentlich sollte ich nicht dort stehen, nass und durchgefroren, die Hände mit roten Knöcheln um eine rostige Reling geklammert, den Blick auf den Berg aus Stein und Sand fixiert, der die Insel Inisheer war. 

Eigentlich hatte ich für den Sommer eine Wanderung durch Frankreich geplant, die dann mit zwei Familienfeiern und fehlenden Urlaubstagen und einer drohenden Hitzewelle überlappte. 

Eigentlich hatte ich an einem Nachmittag einige Tage früher nach Dublin fliegen und dort tagelang durch die Straßen schlendern, Guiness trinken und den Geist meiner 19-Jährigen Mutter suchen wollen, die dort als Aupair-Mädchen gearbeitet hatte, während in zu Hause die Mauer fiel. 

Eigentlich. 

Ein Wort, das alle Bedeutung verliert, wenn der Flug wegen eines Schadens an der Maschine ausfällt und man stattdessen den Abend an einer Hotelbar am Flughafen verbringt. Neben mir saß ein Key Account Manager (was auch immer das ist) aus Dublin, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Wir tranken den ganzen Abend zusammen und er sagte: “Dublin is cool but Dublin isn’t Ireland.” Er legte mir dringlich an Herz, nicht den ganzen Urlaub im Touristenhotspot zu verbringen, sondern ein Auto zu mieten und mir Belfast, Galway, Limerick, Cork anzuschauen. “Galway especially, it’ll be right up your alley.” Was sollte ich sagen? Ich trank noch einen Schluck Bier, eigentlich hatte ich ja etwas anderes geplant, aber… Eigentlich wollte er nicht gelten lassen. Eigentlich wollte er auch sehr gern die Nacht mit mir verbringen, aber er trug einen Ehering, ein merkwürdig kulturell aufgeladenes Objekt, das keine eigentlichs mehr zulässt. 

Und so plante ich während des um einen Tag verschobenen Flugs nach Dublin einen Roadtrip über die grüne Insel. 

Aran Islands

Inisheer ist eine der drei Inseln, die vor der Galway liegen und eines der kleinsten Stücke Land in einem rauen Ozean, die man hätte besiedeln können. Es erinnert an Baltrum, eine dieser winzigen Inseln ohne Autos. Seit Jahrhunderten von einzelnen Fischerfamilien und Leuchtturmwärtern in dicken Wollpullis bewohnt. Am 8. März 1960 geriet das Handelsschiff beladen mit Whiskey und Schurwolle in einen schweren Sturm und schmetterte gegen Finnin Rock vor der Küste von Inisheer. Die Inselbewohner retteten die Crew, das Schiff wurde am Strand aufgegeben.Das am Strand liegende Schiffswrack der MS Plassy macht es zu einer Touristenattraktion, so dass rund um den Hafen ein etwas lustloser Handel mit Tee, Kuchen, sehr alten Coladosen und kleinen Elfenfiguren entstanden ist.

Da stand ich also im Nieselregen vor dem Wrack und kletterte über die Steine. Es war eiskalt, der Pony-Express war schon weitergefahren und oben, weiter den Hügel hinauf, gab es noch eine winzige Burgruine zu besichtigen. Aber alleine zu reisen heißt auch, absolut gar nichts besichtigen zu müssen, auf das man keine Lust hat. Also setzte ich mich in das winzige Café mit Blick über die Bucht, aß ein Stück Pfirsichkuchen und schaute aus dem Fenster. Mein Tag hatte in Galway begonnen, einen absurd herzlichen kleinen Hippie-Stadt, nach St Ives war es definitiv die schönste Stadt, die mir auf dieser Seite des Atlantiks begegnet war. Ein mittelalterliches Hafenstädtchen voller Musik, veganer Restaurants und esoterischer Zauberei, an jeder Ecke wird spirituelle Heilung, Yoga oder Elfen-Touren angeboten. Hätte ich mich an das Wort eigentlich gehalten, und wäre in Dublin geblieben, ich hätte es nie hier hin geschafft. Nicht in die Bar in Galway, wo ich mit meinem AirBnB-Host tanzen ging, und nicht hier in das Café auf dem Felsen mitten im Meer, mit einem Geisterschiff vor dem nebligen Fester. 

Das Leben im Konjunktiv. 

Fast ein Jahr ist seitdem vergangen, und ich denke viel zu oft, ob ich eigentlich etwas anderes tun sollte. Vielleicht liegt es an dem Gefühl, der leer vorbeiziehenden Zeit, während vor meinem Fenster jeden Tag wieder der gleiche Neuköllner Baum steht. An endenden Lebensabschnitten und den großen Fragen dahinter. Aber woher weiß man, welches eigentlich sinnvoll ist, und welches wegkann? Wie nordet man seinen Entscheidungskompass ein?

Cheryl Strayed, die Autorin des wunderbares Buchs “Wild”, in welchem sie von ihrer Pacific Crest Trail-Tour, Lebensschmerz und Höhenmetern erzählt, hat seit einiger Zeit einen Podcast namens Dear Sugars. Sie beantwortet Fragen ihrer Hörer*innen, ein bisschen Dr. Sommer, ein bisschen Therapie, viel amerikanischer Kitsch. Aber auf die Frage, ob man vielleicht mit einem anderen Leben glücklicher gewesen wäre, wenn man sich nur ein paar Mal anders entschieden hätte, sagt sie: 

I’ll never know and neither will you of the life you don’t choose….

Dass ich an einem Augusttag auf Inisheer saß und Pfirsichkuchen aß, kommt mir inzwischen surreal weit weg vor. Um mich herum ein paar der anderen Touristen, die verloren durch die Hügel getappt waren, bevor es anfing zu schütten. War nicht eigentlich Sommer? Was für ein Gedanke auf einem Felsen mitten im Meer. Ich trank schwarzen Tee mit Milch und wartete, dass meine Schuhe unter der Heizung trockneten. Was, wenn ich mich an all die Eigentlichs gehalten hätte, die ich mir über die Jahre so eingeredet habe. Was, wenn irgendwo alle Varianten weiterlaufen, wie in einem Splitscreen, wie in Bandersnatch, einem Interaktiven Biopic? In einer dieser alternativen Welten bleibe ich in einer glühend heißen Nacht in Essen liegen, statt aufzustehen und zu gehen, und im Sommer darauf fahre ich mit Demjenigen in seinem Auto aufs Green Man Festival und zeige ihm Swansea. In einer Anderen entscheide ich mich für die Promotion und gegen den Medienkonzern. In einer Dritten folge ich Cheryl Strayeds Vorbild, lasse meinen Vertrag auslaufen und wandere stattdessen für Monate durch das amerikanische Hinterland. Je weniger gerade passiert, desto mehr denke ich über all die Ecken und Wege nach, die ich nicht gegangen bin. Wäre ich heute glücklicher, wenn ich mich damals in der Uni stärker für die Asta-Zeitung engagiert hätte? Hätte ich Radiomoderatorin werden sollen oder Hebamme? 

Aber was sagt Cheryl denn weiter? 

…We’ll only know that whatever that sister life was, it was beautiful and important and not ours. it was the ghost ship that didn’t carry us. there is nothing to do but salute it from the shore.

Das ist der tröstlichste Gedanke, der mir dieser Tage begegnet ist. Er hat mich an Inisheer denken lassen, an das Geisterschiff, das ich nur durch eine Reihe von Zufällen an einem regnerischen Montag in Galway besucht habe. Es gibt abertausende Varianten meines Lebens, in denen ich dort nicht gewesen wäre, aber das sind nicht meine. Das sind Biografien, die auf Geisterschiffen davongesegelt sind, in dem Moment, in dem ich mich gegen das Eigentlich entschieden habe. Wer weiß, wo sie ankommen und welche sinken. Aber nur weil ich durch eine Kette aus Zufällen zu der Person wurde, die auf den Aran Islands Pfirsichkuchen gegessen hat, macht es die Erfahrung nicht weniger wertvoll. Und wann immer ich denke, dass ich doch eigentlich in einer anderen Variante meines Lebens glücklicher gewesen wäre, werde ich an die MV Plassy denken, die bestimmt auch nicht damit gerechnet hat, auf Grund zu laufen und für die nächsten 60 Jahre Touristen auf eine raue Inselgruppe zu locken. Aber here we are. Die anderen Varianten müssten sich gerade auch mit Corona herumschlagen und hätten geliebte Menschen verloren und wer weiß, ob sie damit besser umgangen wären als ich. Ich werde bloß aufhören, damit Zeit zu verschwenden, darüber nachzudenken ob ich nicht eigentlich woanders hingehöre, als da, wo es mich hinzieht. 

P.S. Die Insel, auf der ich eigentlich nicht hätte sein sollen, begegnete mir wieder im wunderbaren Atlas Obscura – ein monumentales Buch voller Reisetips zu den ungewöhnlichsten Orten der Welt, zusammengetragen von New York Times Kolumnisten. Hätte ich es vor meiner Reise aufgeschlagen und über die Insel im Atlantik voller Schafe, schwarzem Tee, Ruinen, Pony-Kutschen und dem Schiffswrack am Strand gelesen, wäre ich sofort hingefahren. Ganz uneigentlich. 

4 Kommentare

  1. Wir leben in unserem individuellen Rahmen, der oft keine andere Möglichkeiten zulässt als das, was man gerade macht. Der Traum vom Leben im Süden am Meer z.B. bedeutet den Mut, in Deutschland alles hinter sich zu lassen. Wenn man den nicht hat, gibt es kein Leben am Meer. Wenn der Wunsch aber wichtig genug ist, kann man jede Angst überwinden.
    Ein Leben ohne Meer wäre dann also nicht wichtig genug, und so ist es mit allem. Das Wichtige setzt sich durch, und das kann durchaus Sicherheit sein, die gewohnte Umgebung, der Freundeskreis. Das, wozu man sich „hingezogen“ fühlt, wie du treffend erkannt hast.
    Ich hab vor vielen Jahren mal ein Buch gelesen, in dem es um diese alternativen Lebenswege ging, die ein Piloten-Ehepaar nach einem Absturz, glaube ich, tatsächlich begehen konnten und sich dabei aus den Augen verloren. Es hieß „One“ oder so, aber mit so einem Titel ist Google überfordert. Ich habs nicht gefunden.
    Lieber Gruß

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir für deine Gedanken dazu! Ja, manchmal sind es die großen durschlagenden Entscheidungen, bei denen man sich fragt, ob man sie richtig trifft und mit allen Folgen leben kann. Aber ich ertappe mich mitunter auch dabei, mich zu fragen, ob mein Leben anders aussähe, wenn ich anderen Lippenstift tragen würde 🙂

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  2. Als ich 1979 mit Kommilitonen von Dublin nach Galway trampte und dann weiter nach Süden der Küste entlang, standen wir eines Abends auf Klippen, mit dem Geruch von Torf hinter und dem Geräusch der Brandung unter uns. „Eigentlich“ wusste ich damals, dass dieser Abend in mir die Zeit und die Orte in markierte, denen ich für immer verbunden bleiben wollte. Und so blieb es bis heute. Dort zu sein, wo man sich wiederfindet, hat Gründe. Wir befinden uns immer im Modus der Eigentlichkeit. Perhaps instinct is all that actual matters. Ich liebe die sachte Melancholie deiner Sätze.

    Gruß
    Achim

    Gefällt 1 Person

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