And remember, you’re not alone. // Die Corona Kapitel.

Trauer, Träume, Timewarps. Und der Podcast, der im letzen Jahr die Leere in meinem Kopf mit den richtigen Worten gefüllt hat.

Dieser Text war mal ein Instagram-Post. Wütende, traurige, ins Handy geschrieene Worte hinter buntschimmerenden Profilbildern. Ich tippte wild in irgendeine digitale Leere hinein, dass ich etwas Verstörendes geträumt habe und über den Trauerprozess nachdenke und würde darauf jetzt BITTE jemand antworten. Ich übersetzte Gefühle in hastig hingeschriebene Worte voller Rechtschreibfehler, die in den Handys meiner Handvoll Follower auftauchen werden, die sie von links nach rechts wischen und im bestenfalls die Augenbrauen hochziehen. Ich tigerte über meinen Teppich, kreuz und quer. Es müsste doch jemand diesen Post lesen und mich anrufen und fragen, wie es mir geht, was los ist und ob ich über meine Mutter sprechen will.

Kurz: Es müsste doch jemand das tun, was sie getan hätte, wenn sie den Post gesehen hätte.

Meine Mutter war bei Facebook angemeldet und hat manchmal Artikel der Lokalzeitung geteilt, Candy Crush gespielt und meine Fotos geliked. Und weil Facebook und Instagram ein seelenloser Abfallhaufen vernetzter Algorithmen sind, hatte sie auch ein Instagram-Profil. Sie wird die App auf einem Handy vorinstalliert gefunden und darauf geklickt haben und schon gab es eine Page mit ihrem Klarnamen und dem Foto unseres inzwischen ebenso verstorbenen Kaninchens als Profilbild. Sie wird kopfschüttelnd das Handy weggelegt haben und nach draußen gegangen sein, wie immer. Sie hatte Besseres zu tun. Jahre später hatte ich nichts Besseres zu tun und wischte schon wieder durch die Liste meiner Follower bei Instagram. Mein totes Kaninchen guckte mich an, neben dem Namen meiner Mutter. Ich habe damals ihr Facebookprofil gelöscht, weil ich mich an ihrem PC anmelden konnte. Ich wusste nicht, dass sie auch ein Instagram-Profil hatte, sonst hätte ich es gesucht und ebenfalls deaktiviert. Jetzt habe ich keinen Zugang mehr zu ihren Emailkonten oder Facebook-Details, jetzt ist da nur noch dieser Geisteraccount mit dem toten Kaninchenfoto und der Funktion ihn wegen offensiver Inhalte zu „reporten“, was ich nicht übers Herz bringe. Ich klickte ihn weg. Ich löschte meinen Post.

Ich hatte in der Nacht zuvor etwas geträumt, das mich den Tag über nicht losgelassen hat. Ich erinnere mich an beinahe alle meine Träume, mit erschreckender Detailtreue und in allen absurden Abgründen. Ich sammle Träume als Vorlagen für einen luziden Kurzgeschichtenband, ich sammle die Gefühle, die ich in der Nacht habe in Schweißflecken auf dem Laken. Ich weiß es am Morgen, wenn ich von meiner Schulzeit träume, von hohen Türmen oder von Sex. Ich weiß es, wenn ich mich im Traum mit jemandem streite und es ihm Tage später noch in der echten Welt nachtrage. Ich weiß, wie oft ich von meiner Mutter geträumt habe, von gemeinsamen Reisen und Briefen, die sie mir schreibt, und Bildern aus meiner Kindheit.

In der Nacht vor dem Instagram-Post hatte ich das erste Mal eine Szene erträumt, in der ich im Traum selbst wusste, dass meine Mutter tot ist. Ich träumte von einem Haus, einer Familienfeier, einem Streit mit einem Ex, der sich nicht aus dem Bett bewegen ließ, einem Blumenstrauß. Und ich träumte, dass das ich wusste, dass meine Mutter nicht kommen würde, weil sie tot ist. Mehr nicht. Etwas schien eingerastet zu sein. Mein Kopf schien aufgehört haben zu fragen, wann endlich wieder alles normal werde. Nach nur 588 Nächten hat der tiefliegende Säugetier-Teil meines Gehirns eine neue Tatsache akzeptiert.

Ich wachte auf und begann einen Streit gegen eine amerikanische Social-Media-Krake und schimpfte auf eine imaginierte Gruppe von Menschen, denen ich unterstelle nicht zu verstehen wie ich mich fühle. Möglicherweise, weil ich selbst nicht verstehe, wie ich mich fühle.

Dieses Gefühl hängt mir die ganze Woche nach. Es folgt mir leise durch Skype Calls und zu Edeka. Ich bin wieder einmal viel anfälliger für ungünstige Gefühle, wie die pure Wut auf eine junge Mutter, die ihrem Kind kein Snickers an der Kasse erlaubt. Wer weiß, mit wem ich mich da identifiziere oder warum.

Vor einem Meeting letzte Woche nahm ich mir ein paar Minuten um zur Ruhe zu kommen, Unterlagen und Gedanken zu sortieren. Ich starrte auf die Holzmaserung auf dem Schreibtisch, es war still für 30, 60, 90 Sekunden. Mir fiel ein, wie meine Mutter vor 15 Jahren Tickets für eine Veranstaltung gekauft hat und dann das Datum falsch in den Kalender eingetragen hat. Wie sie mit belegter Stimme und ungläubigem Gesicht sagen musste, dass das nichts wird mit der Lesung. Ich habe längst vergessen um was es ging und ob ich wütend war. Aber ihr entsetzter Gesichtsausdruck, der das Gefühl mich zu enttäuschen und das Geld umsonst ausgegeben und das Datum vergessen zu haben, dieser verwirrte schuldige traurige Blick – Ich sah ihn vor mir in der Holzmaserung.

Mein Hals zog sich zusammen, der Laptop pingte, die ersten Teilnehmer im Meeting. Mama guckt traurig. Ich gucke weg und klicke auf den Team-Call, „HEY GUYS“ – „You okay? You sound funny“ – „I’m fine, guys!“

Solche Wochen sind hart.

Es gab mehr solcher Wochen in den letzten anderthalb Jahren, als ich zählen kann. Wochen, in denen ich immer kurz davor war zu weinen. Wochen, in denen sinnlose Streits mit übermächtigen Internetgegnern gesucht habe. Wochen, in denen mich jeder Artikel im Supermarkt an sie erinnert hat. Wochen, in denen ich mich zwinge, mich zu erinnern, was wohl ihre letzten Worte an mich waren. Ich weiß es nicht. Ich glaube, der letze Satz, den sie bei halb-vernebelten Bewusstsein gesagt war, „dann ist das wohl so.“ Aber das muss nicht mal stimmen. Vieles aus den letzten Tagen im Krankenhaus versinkt im Nebel, wenn ich daran denke.

GC.png

Eine der wenigen Dinge, die mich in solchen Phasen verlässlich beruhigt und glücklich gemacht haben, ist das erfolgreiche Podcast-Projekt Griefcast der walisischen Comedian und Schauspielerin Cariad Lloyd. Sie spricht in jeder Folge mit Kolleg*innen aus der britischen Performance-Szene über Trauer, Tod und Verlust. Sie spricht über ihren Vater, der an Pankreas-Krebs starb als sie 17 war. Und wie sie die nächsten Jahre in einem Modus aus Panik und Verdrängen, Alkohol, Schock und der immer währenden Wiederholung des Satzes „I’m fine, guys“ verbracht hat. Erst Jahre später begann sie, in Therapien den Verlust aufzuarbeiten und mit anderen Menschen aus dem Dead Dad Club zu sprechen.

Die sanfte Musik zu Beginn jeder Folge senkt meinen Puls. Ihre liebevolle, lustige Art, Gäste anzukündigen und über die Absurditäten rund um Familie, Freunde und Beerdigungen zu sprechen ist einzigartig. Der Podcast ist ein einziger Safe Space, der mir sagt, dass es okay ist, lange zu brauchen um aus dem Nebel aufzuwachen. Dass jeder Tag im ersten Trauerjahr, in dem man es aus dem Bett schafft, ein Gewinn ist. Dass all meine Gefühl real und valide sind. Ich schreibe Sätze mit, weine beim Hören, laufe mit den Stimmen im Ohr für Stunden um den Block in Berlin. Wenn Cariad am Anfang sagt: „And remember, you’re not alone“ bricht in mir eine Kruste auf, die ich sorgsam um all die Gedanken gewickelt habe, die ich mir unter der Woche verbiete zu haben.

In einer Folge spricht Cariad mit der Therapeutin Julia Samuel, die einen brillanten Überblick über den Trauerprozess liefert:

in the first weeks you are at sea. that first year you need little lifeboats (gardening, cooking, comforting stuff). the downside is that if you’re hurting so much inside it can easily feel like “fuck it”, i’ll get pissed, sleep with a stranger, take drugs,…show myself as bad as bad as I feel.  

grieving hits your self-esteem, it hits your trust in yourself and your capacity to feel and be yourself – it is linked to that innate trust in life. if the person who died are really part of your life, part of your selfstrucutre  – they are part of  how you see yourself. mum really loved you as you were and got you as you were, so there is a (mum)shaped hole in you. there is an invisible hole in your body. 

normally, when you’re happy, you have this trampoline-like resilience in you, you bounce back when something happens – you don’t lose your temper when the train is cancelled. when there is a big black hole in you and the train gets cancelled, it feels like the world is against you. it creates chaos. look after the hole, don’t beat the hole up.

pain is the agent of change. accept that you can’t fill it. there is no app, no book, nothing to fill it. 

the 21st century really doesn’t help us because we believe we can do anything, book a flight to china with our phones, so you expect everything by the push of a button – and the permanence of death; you bash yourself against it, you facing the reality is the first task. 

In the 2-3 year range you will always revisit the death over and over and over again. 

you know that you made the best decision at the time. you need the narrative.

you need the end of the story. 

Nichts vermiest mir einen Sonntag wie Instagram. Und nichts rettet ihn so sehr wie eine Folge Griefcast.

4 Kommentare

  1. Ein Like fühlt sich hier nicht richtig an, der Verlust deiner Mutter ist immer noch so schmerzhaft. Einmal wirst du ihn verarbeitet haben, zumindest weitgehend. Mehr Trost gibt es leider nicht. Schön, dass dir Griefcast hilft, davon hab ich noch nie gehört!
    Lieber Gruß

    Gefällt 2 Personen

    1. Meine Liebe, das ist sehr nett, danke dir! Es wird ja tatsächlich leichter, aber dann gibt es auch schlimme Tage, wie die, die ich da beschreibe. An denen hilft mir Griefcast sehr… hör gerne mal rein!

      Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu Emily J. Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s